Antonín Dvořák: Klaviertrios mit dem Trio Wanderer; Montage: rbb
Bild: Harmonia Mundi

CD DER WOCHE | 13.02. - 19.02.2017 - Antonín Dvořák: Klaviertrios op. 65 und op. 90

Ein Jubiläum feiert das französische "Trio Wanderer" dieser Tage – 30 Jahre besteht die international hochgelobte Kammermusikformation jetzt schon. Inzwischen gehört sie zu den führenden weltweit.

Vom Klassiker Joseph Haydn bis zu Gegenwartskomponisten reicht das Repertoire des Ensembles. Zu ihrem Geburtstag haben sich die drei Pariser Musiker ein besonderes Schmankerl gegönnt: Eine CD-Produktion mit zwei Klaviertrios von Antonín Dvořák, darunter auch das berühmte Dumky-Trio.

So leicht federnd, farbig und mit rhythmischer Raffinesse können nur Musiker ein Dvořák-Trio spielen, die diese Musik fast ihr ganzes Leben lang aufgeführt haben. Beim Trio Wanderer ist das so. Der Pianist Vincent Coq kann keine Zahl nennen, wie oft er und seine Kollegen das Dumky-Trio gespielt haben. Sehr, sehr oft, doch keinesfalls zu oft.

Und das andere Trio auf dieser neuen CD, das in f-Moll, op. 65, ist nicht nur ein selten gespieltes, sondern es zeigt auch, wie aktuell Dvořáks Musik und seine Ideen noch heute sind. Denn, so Coq:

"Dvořák ist nicht nur böhmisch, sondern sehr europäisch, mit starken Einflüssen von Wiener Musik, von deutscher Musik. In diesem Trio finden wir überall Brahms. Das Ende des letzten Satzes ist eine Hommage an Brahms‘ Walzer und Wiegenlied. Dvořáks Kammermusik ist eine Mischung aus allen möglichen europäischen Kammermusikstilen."

Trio Wanderer; Foto: © Thomas Dorn
Trio Wanderer; © Thomas Dorn

Vollkommene Abgeklärtheit

Die Musiker aus Frankreich haben ein Stück der musikalischen Weltliteratur erst in dem Augenblick eingespielt, als sie es durchdrungen hatten. Diese Abgeklärtheit ist beim Trio Wanderer im Fall des Dumky-Trios von Dvořák vollkommen, jedoch niemals langweilig. Im Gegenteil – es ist eine Mischung aus geschmeidiger Eleganz und tiefschürfender Weisheit.

Die Klangfarben gelingen den drei Musikern rund und voll, und die Ideen des Komponisten leuchten scharf und deutlich auf. Vincent Coq berichtet von einem Kennen- und Liebenlernen:

"Je länger wir Dvořáks Trios gespielt haben, desto dichter sind wir am Notentext dran. Ich werde älter und erkenne immer mehr – das sage ich auch meinen Studenten: Die Komponisten haben meistens Recht mit dem, was sie geschrieben haben. Und ich finde es wichtig, nicht nur zu spielen, was in den Noten steht, sondern zu verstehen, warum es dort steht. Das gelingt uns inzwischen besser.

Ein Beispiel: Wir verstehen erst jetzt richtig, warum Dvořák so viele genaue Angaben zur Dynamik gemacht hat, die vielen Crescendi und Decrescendi. Er wusste sehr genau, was er wollte. Und wir versuchen, seinem Denken möglichst nahe zu kommen."

Vorurteile ausräumen

Die Dvořák-CD des Trio Wanderer dient zwei Zielen – das wenig gespielte Trio op. 65 ins Rampenlicht zu rücken und einige Vorurteile über das Dumky-Trio auszuräumen. Beides gelingt den französischen Musikern hervorragend. Dabei ist es nicht einfach, speziell den großdimensionierten ersten Satz des Trio op. 65 so zu spielen, dass er nachvollziehbar wird.

Nach außen hin hat dieses "Allegro ma non troppo" die Form eines klassische Sonatensatzes. Doch innerhalb dieser festgefügten Gestalt könnten sich die Zuhörer leicht verlieren. Weil ihnen Dvořák so unendlich viel mitzuteilen hat:

"Es gibt die feste Struktur, aber dazwischen laufen die Emotionen in alle Richtungen. Da ist wie in einem Bild von Delacroix. Die Energie verteilt sich überall hin. Die Musik ist auch so, sie hat eine Struktur, doch die Gefühle haben eine solche Kraft. Er kann sie einfach nicht darin einsperren."

Uralte Form

Neuartig und originell klang 1891 das Dumky-Trio, das Dvořák damals der Musikwelt vorstellte. Sechs kürzere Sätze, die sämtlich der Dumka, einer uralten Form aus der ukrainischen Volksmusik folgen. Doch es sind nicht nur "Slawische Tänze" für Klaviertrio, sondern Geschichten voller Widersprüche und Bilder.

Das ist Vincent Coq, dem Pianisten des "Trio Wanderer" besonders wichtig: "Ich finde, das ist mehr ein poetischer Traum. Es wirkt wie eine Improvisation, ist aber natürlich komplett komponiert, nicht improvisiert. Dvořák hat es so gut komponiert. Ein Mensch erzählt eine Geschichte aus seinem Leben, und danach kommt ein Tanz. Das wichtigste an einer Dumka ist die Poesie. Der Tanz am Ende rundet dieses Gedicht einfach nur ab."

Die Poesie wird hier ganz eindringlich offenbar. Das Trio Wanderer hat die sechs Dumky-Sätze mit größter Detailliebe und dem Mut zur Schärfe eingespielt. Dabei zeigt sich nicht nur die enorme Erfahrung mit diesem Stück, sondern auch eine perfekte Harmonie zwischen den drei Musikern. Sie kommunizieren so gut, dass Dvořáks Musik zu glitzern und zu schweben beginnt, um im nächsten Moment ekstatisch zu verglühen.

Volker Michael, kulturradio