Barokksolistene: The Alehouse Sessions; Montage: rbb
Bild: Rubicon Records

CD DER WOCHE | 19.06. - 25.06.2017 - Barokksolistene: "The Alehouse Sessions"

Englische Zeitungs-Zitate (auf der Cover-Rückseite) sprechen von einem "unwiderstehlichen" und "sagenhaft zügellosen" Ereignis. Diese interessante Aufnahme haben wir zu unserer kulturradio CD der Woche erkoren.

Seit zehn Jahren tourt das norwegische Ensemble Barokksolistene mit einem Programm durch europäische Konzertsäle und Bühnen jeglicher Art, das scheinbare Gegensätze vereint: Kunst- und Volksmusik, Konzert und Happening, Musikvortrag und Schauspielerei. Nun hielt Bandchef Bjarte Eike die Zeit für gekommen, "einen Pflock einzuschlagen", indem man den derzeitigen Stand der 'Alehouse Sessions' auf CD dokumentiert. Beim neuen englischen Label Rubicon ist eine mitreißende Aufnahme erschienen, die zumindest eine Idee des Live-Erlebnisses vermitteln kann.

Bjarte Eike; © Helge Norbakken
Bjarte Eike; © Helge Norbakken | Bild: Barokksolistene

Der Boss

Angefangen hat alles damit, dass der Geiger Bjarte Eike, der früher Irish Folk gespielt und sich mit norwegischer Fiddlemusik beschäftigt hat, bevor er sich auf die Barockmusik spezialisierte, 2005 ein Ensemble gründete. Schon bald danach wurden seine 'Barokksolistene' eingeladen, beim großen Festival in Bergen einen Schwerpunkt mit Alter Musik aus England zu bestreiten. Und Eike präsentierte dort nicht nur Konzerte mit Werken von Dowland und Händel, sondern er konzipierte auch ein Programm mit Musik aus der Zeit der englischen Bürgerkriege.

Zufluchtsort Bierschenke

Es war die Phase des Puritanismus, als unter Oliver Cromwell die Theater geschlossen wurden und die meisten Berufsmusiker ihre Anstellung verloren. Im öffentlichen Raum konnten sie dann nur noch in Tavernen auftreten, den 'Alehouses', die sich in 'musick-houses' verwandelten. Das erste öffentliche Konzert in Europa, dem nicht nur Bürgertum und Adel beiwohnen durften, soll 1673 in einem Londoner Pub stattgefunden haben. Auch als Cromwells Verbotsspuk nach wenigen Jahren vorüber war, blieb die Qualität der Schenkenmusik noch lange hoch und auch große Komponisten wie Purcell und Händel schätzten diese.

Tanzmusik und anderes

Damals bildete sich ein spezielles Repertoire von - oft schlüpfrigen - Liedern für gesellige Kneipen-Zusammenkünfte heraus. Doch statt auf diese griff Bjarte Eike für sein Alehouse-Projekt insbesondere auf einige der vielen einfachen Tanzsätze zurück, die der Verleger John Playford von 1651 an in seiner Sammlung 'The English Dancing Master' veröffentlicht hat. Im Laufe der Jahre hat Eike den Fokus dann erweitert, so dass in den Sessions inzwischen auch traditionelle Tanzmelodien aus Schottland, Irland, Kanada und Skandinavien sowie englische Shanties aus dem 19.Jahrhundert erklingen.

Die Alehouse Boys

Die historische Aufführungspraxis ist dabei kein spezielles Ziel der Konzerte mehr, und neben barocken Instrumenten kann man dort auch Harmonium und Kontrabass, die südamerikanische Gitarre Charango und afrikanische Trommeln hören. Authentizität sucht Eike inzwischen nicht mehr in der Art des Musizierens, sondern darin, dass sich alle seine Musiker mit ihren Persönlichkeiten einbringen. Die Stammformation der Alehouse Sessions besteht mittlerweile aus neun exzellenten Instrumentalisten mit ganz unterschiedlichem Background. Je drei stammen aus Norwegen und Schweden, zwei aus England und einer aus der Slowakei. Einer arbeitet auch als DJ und Fotograf, ein anderer ist Tonmeister und Jazzmusiker, der Perkussionist hat sich auf westafrikanische Trommelarten spezialisiert.

Gruppendynamik

Geprobt wird bei den Barokksolistene wenig, beteuert Bjarte Eike. Jedes Konzert soll anders und neu sein und aus dem Moment leben. Ein- oder zweimal im Jahr zieht man sich in die norwegischen Berge oder auf eine dänische Insel zurück. Man kocht, trinkt und unterrichtet sich in Workshops gegenseitig und in diesem Kontext werden dann auch neue Stücke ausprobiert. Eike vergleicht das Projekt mit einem Zimmer, das man immer mal wieder neu möbliert und anstreicht.

Stimmungskanonen

"Es ist lustig und wir lachen, trinken und tanzen." So beschreibt Bjarte Eike als bewusstes Understatement die Alehouse Sessions. Das Publikum sei der wichtigste Teilnehmer bei den Veranstaltungen, am besten in einer lockeren Atmosphäre, wenn es dabei trinken darf und aufgeschlossen ist. Dann feuert es die Musiker an und wird an bestimmten Stellen zum Mitsingen und Klatschen animiert. Die leger gekleideten und ohne Noten spielenden Alehouse Boys wandern beim Auftritt unablässig auf und sogar neben der Bühne umher, alle kommunizieren ständig miteinander und machen das Ganze zu einem Happening. Alkoholverächtern könnte das Zelebrieren des Bierkonsums auf der Bühne und von imitierter Trunkenheit bei speziellen Stücken allerdings ein wenig 'too much' sein.

Video

Fragmentarisch, aber geglückt

Die Alehouse Sessions sind ihrer ganzen Konzeption nach ein Liveprojekt. Sie leben aus dem Miteinander von Ensemble und Publikum. Eine CD-Aufnahme nur der Sessions-Musik ist da zwangsläufig unvollständig. Man vermisst die Spontaneität der Konzerte und zum großen Teil auch die Solo-Improvisationen, die live in Fülle zu erleben sind. Dennoch vermag es die CD, die auf der Innenseite des Papp-Covers viele kleine fotografische Konzert-Schnappschüsse enthält, die Ausgelassenheit der Stücke in den speziellen Barokksolistene-Arrangements genauso zu vermitteln wie die Harmonie, die offensichtlich zwischen den Musikern herrscht. "Es ist eine Gruppe voller Liebe," betont Bjarte Eicke.

Rainer Baumgärtner, kulturradio