Bel Canto © Harmonia Mundi/Montage: rbb
Bild: Harmonia Mundi/Montage: rbb

CD DER WOCHE | 13.03. - 19.03.2017 - "Bel Canto (La Voix de L’Alto)"

Antoine Tamestit gehört zu den derzeit gefragtesten Bratschensolisten. Mit seinem Klavierpartner Cédric Tiberghien hat er nun den Einfluss des Belcanto auf die Bratschenliteratur des 19. Jahrhundert erkundet.

Gleich zu Beginn der CD entfaltet die Bratsche ihre klangliche Bandbreite – zu hören in der Sonate für Viola und Klavier des belgischen Komponisten Henri Vieuxtemps. Bis ins 19. Jahrhundert hinein führte die Viola neben der Geige stets ein Schattendasein. Doch vielleicht kann kein anderes Instrument so melancholisch, so expressiv, so poetisch klingen wie die Viola.

Bestens unterstützt vom Klavier, dem perfekten Partner der Viola. Besonders im dritten Satz der Sonate von Vieuxtemps erlebt man den Dialog und das Komplementäre der beiden Instrumente. Der Pianist Cédric Tiberghien ist für Antoine Tamestit kein bloßer Begleiter, sondern vielmehr sein Dialogpartner:

"Wir musizieren unglaublich gern zusammen und haben uns viel zu sagen, während wir spielen. Das heißt nicht, dass wir mit Worten sprechen. Wir verstehen uns über den musikalischen Ausdruck, während wir spielen."

Die Bratsche und die Oper

In den folgenden Stücken geht es dann um das eigentliche Thema der CD: den Belcanto. Oft wird "Bel Canto", also wörtlich der "Schöne Gesang", ja als Sammelbegriff für italienische Opernkompositionen gebraucht, die zwischen 1810 und 1845 entstanden sind. Zwei der wichtigsten Vertreter -  die italienischen Komponisten Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini – sind hier vertreten.

Von Donizetti sind auf der CD zwei Werke zu hören – nämlich für Klavier und Bratsche transkribierte Arien aus den Opern "Die Regimentstochter" und "La Favorita". Und von Bellini hören wir die bekannte Arie Casta Diva aus der Oper Norma. Opernarien und Viola: Antoine Tamestit bringt beides wunderbar zusammen. Bei ihm singt die Bratsche regelrecht.

"Meine Liebe zur Oper und nicht zuletzt auch die Begegnung mit meiner Frau, die Sängerin ist, haben dazu beigetragen, dass ich nahezu besessen von Gesang bin. Für mich ist Gesang so etwas wie ein musikalisches Ideal geworden. Es ist Musik, die aus dem ganzen Körper kommt. Ich habe viel und sehr bewusst an meinem Legato und Vibrato gearbeitet. Und auch wenn ein Saiteninstrument natürlich nicht in dem Sinne atmen muss, zwinge ich mich dazu, mein Instrument an bestimmten Stellen atmen zu lassen wie ein Sänger, und ich versuche, für die gesungenen Worte, für die Bedeutung des Textes eine klangliche Entsprechung in Timbre und Ausdruck zu finden."

Besondere Entdeckungen auf der CD

Unter den von Antoine Tamestit mit überzeugender Sorgfalt für die CD ausgewählten Stücken befinden sich auch besondere Entdeckungen. Darunter Der Traum. Eine Elegie über die Favoritin von Donizetti, eine Komposition für Bratsche und Klavier des Franzosen Jacques-Féreol Mazas. Vermutlich ist es die erste CD-Einspielung dieses Stücks. Mazas war zu seiner Zeit eher als Geigenvirtuose bekannt – genau wie übrigens auch Henri Vieuxtemps. Beide waren auch der Viola sehr zugetan und schätzten deren Ausdrucksstärke und -vielfalt.   

Eine weitere Entdeckung auf der CD: Ein Präludium für Solobratsche von Louis-Casimir Escoffier, genannt Casimir-Ney. Als Kammermusiker und Komponist hatte er sich ganz der Viola verschrieben und ist wohl einer der ersten großen Bratschensolisten überhaupt. Auch dieses Präludium ist vom Belcanto inspiriert. In der Mitte des Stücks hört man eine Mini-Arie.

Auch hier zeigt Antoine Tamestit sein Können. Das Werk von Casimir-Ney erfordert eine ungemeine Wendigkeit.

Die Bratsche solo: Traurig-Schön

Zum Abschluss erklingt noch einmal die Bratsche solo. Das Capriccio von Henri Vieuxtemps bringt die Viola noch einmal in ihrer ganzen lyrischen und melancholischen Ausdruckskraft zum Singen. Wenn das nicht "bel canto" ist!

Antoine Tamestit selbst liebt dieses Stück ganz besonders. "Es hat eine Melodie, eine Arie, wenn Sie so wollen, die man in den oberen Lagen hört. Darunter hört man Akkorde, sodass man den Eindruck hat, der Gesang einer Stimme wird von einer Gitarre oder einem anderen Saiteninstrument begleitet. Mit dieser CD möchte ich den Hörern auf meine Weise zeigen, wie gern ich mit meiner Bratsche singe. Wie ich durch sie atme, durch sie spreche, etwas erzähle. Musiziere. Deshalb ist diese CD auch meine bislang persönlichste."

Antje Bonhage, kulturradio