Claudio Monteverdi: Vespro della Beata Vergine © Glossa | Montage: rbb

CD DER WOCHE | 15.05. - 21.05.2017 - Claudio Monteverdi: "Vespro della Beata Vergine"

Pünktlich zum 450. Geburtstag Monteverdis ist nun eine spannende Neueinspielung auf den Markt gekommen, ausgeführt von drei italienischen Ensembles - eine wegweisende?

Claudio Monteverdi war 43 Jahre alt und seit zwei Jahrzehnten im Dienste des Herzogs von Mantua, als er – wohl als eine Art Bewerbungsmappe für eine neue Stelle – eine Sammlung mit Kirchenmusik zusammenstellte und Papst Paul V. in Rom präsentierte. Darin befand sich eine Messe im alten Stil und eine nach vorne weisende Vesper zu Ehren der Jungfrau Maria. Die "Vespro della Beata Vergine" gilt als "Opus summum" von Monteverdis geistlichem Schaffen. In den 1950er Jahren hat man das Werk für die Schallplatte wiederentdeckt, mit dem Erstarken der Alte Musik-Bewegung liegt es inzwischen in Dutzenden von Aufnahmen vor.

Pünktlich zum 450.Geburtstag Monteverdis ist nun eine spannende Neueinspielung auf den Markt gekommen, ausgeführt von drei italienischen Ensembles: der Compagnia del Madrigale, der Cantica Symphonia und La Pifarescha, geleitet vom Tenor Giuseppe Maletto.

Keine Marotten

Maletto hat sich intensiv mit dem Werk und mit seiner Aufnahmegeschichte in den vergangenen Jahrzehnten beschäftigt. Im Gegensatz zu vielen Einspielungen hat er darauf verzichtet, dem Werk noch einstimmige Choräle hinzuzufügen, um eine vermeintliche Liturgie zu rekonstruieren. Da der historische Anlass für das Werk völlig im Dunkeln liegt und Monteverdi mit den geistlichen Concerti und der Sonata sopra Sancta Maria ganz Vesper-untypische Elemente liefert, sieht der Dirigent derartige "Rekonstruktionen" als unnatürlich an.

Aus der richtigen Richtung

Andererseits kritisiert Maletto, dass viele Interpretationen die religiöse und theologische Basis dieses einzigartigen musikalischen Freskos vernachlässigen und nur die spektakulären musikalisch-technischen Aspekte herausarbeiten. Einen entscheidenden Grund dafür sieht er darin, dass die Marienvesper meist aus dem Blickwinkel der Barockmusik angegangen wird. Selbst von vielen Alte-Musik-Ensembles wird ihr auf diese Weise eine Gesangsvirtuosität aufgepfropft, die ihren Charakter entscheidend verändert - in Richtung späterer Opern.

Maletto und seine Mitstreiter haben sich ihr dagegen von ihrer langjährigen Erfahrung mit Renaissancemusik aus genähert. Die Gesangssolisten singen absolut rein und ungekünstelt und verhelfen der Musik dadurch zu ungeheurer Plastizität und Würde.

Positiver Temposchock

Wenn man die Neuproduktion von Compagnia del Madrigale, Cantica Symphonia und La Pifarescha eins zu eins mit vielen vorhergehenden Aufnahmen vergleicht, ist man schon bei der einleitenden ‚Gonzaga-Fanfare‘ geschockt. Wie aberwitzig das rasende Tempo ist, das dabei häufig angeschlagen wird, spürt man im Vergleich zum Ansatz Malettos fast körperlich. Der strebt eine Umkehr der Schnelligkeits-Mode in der Alten Musik an und will dem Legato, das in Monteverdis Zeit als Inbegriff des Musizierens galt, wieder zu seinem Recht verhelfen. Neben der reinen Schönheit der Musik bringt es auch den Vorteil mit sich, dass dadurch die horizontalen Strukturen polyphoner Werke deutlich leichter erfassbar werden. Dennoch verliert Monteverdis Meisterwerk bei gemessenem Tempo nichts von seiner Grandiosität und Wirkungskraft.

Ausgeklügelte Klangarchitektur

Dies liegt auch am vorzüglichen Sound der Aufnahme. Um die natürliche Raumakustik in der Basilika von Pinerolo im Piemont einzufangen, hat man mit möglichst wenigen Mikrophonen gearbeitet und auf Stützmikrophone weitgehend verzichtet. Man hat viel Zeit investiert, um die perfekte Aufstellung der Musiker zu finden, so dass jeder einzelne Sänger und Instrumentalist sein dynamisches Spektrum voll entfalten kann, dabei aber eine fabelhafte Klangmischung entsteht.

Die besondere  gemeinschaftliche Atmosphäre in den Tagen der Produktion, von der Beteiligte zu berichten wissen, hat sich unmittelbar in der Aufnahme niedergeschlagen. Und gekoppelt mit der faszinierend herben, an Renaissanceorgeln orientierten Klangästhetik, ist eine wegweisende Doppel-CD entstanden – die im Gegensatz zu vielen Vorgängereinspielungen beide Fassungen des krönenden abschließenden Magnificat bietet, die Monteverdi in seiner "Vespro della Beata Vergine" liefert.

Rainer Baumgärtner, kulturradio