David Orlowsky Trio: Paris - Odessa; Montage: rbb
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CD DER WOCHE | 28.08. - 03.09.2017 - David Orlowsky Trio: "Paris · Odessa"

Auf seiner neunten CD beschreitet das David Orlowsky Trio neue Wege – denn erstmals legt es ein Konzeptalbum mit Eigenkompositionen vor.

Bereits vor dem Schreiben der Stücke hatten sich die drei Musiker das Thema "Paris-Odessa" vorgegeben – und in zwölf sehr unterhaltsamen Etappen kann sich der Hörer nun mit ihnen auf eine imaginäre musikalische Reise von der Seine an die Schwarzmeerküste begeben. Fast immer tragen die Stücke die DNA des Klezmer in sich.

David Orlowsky Trio; © Kaupo Kikkas
David Orlowsky Trio; © Kaupo Kikkas | Bild: SONY Classical

Standortbestimmung

Musik, die Genregrenzen überschreitet, hat oft nicht den allerbesten Ruf. Die Sachwalter der jeweiligen Fachgebiete wähnen ihren Bereich oft nicht angemessen repräsentiert, manchmal sogar verulkt.

Mit der kritischen Erwartungshaltung eines Teiles ihres Publikums waren auch "David Orlowskys Klezmorim" konfrontiert – wies der Name denn nicht darauf hin, dass man traditionellen Klezmer von den Musikern geboten bekommen würde, die importierte Volksmusik der osteuropäischen Juden?

Um die Gefahr von Missverständnissen auszuräumen, änderte die Gruppe schließlich ihren Namen in "David Orlowsky Trio", und überlegte sich einen Begriff, der ihren Stil am besten umschreibt. Dieser lautet "chamber.world.music", Kammer-Weltmusik.

Eigenkompositionen

David Orlowsky war ein Schlagzeug spielender Teenager in Tübingen, als ihn seine Mutter in ein Konzert der Klezmerlegende Giora Feidman einlud. Widerwillig ging er mit – und bald änderte sich sein Leben. Er fing an Klarinette zu spielen und Feidman wurde eine Art Mentor für ihn.

Bereits mit 16 Jahren gründete er sein bis heute, fast 20 Jahre später, bestehendes Ensemble. Von Anfang an war der Kontrabassist und Jazzfreund Florian Dohrmann mit dabei, nach einigen Jahren ging der erste Gitarrist und der ehemalige Feidman-Begleiter Jens-Uwe Popp kam hinzu.

In dieser Besetzung spielt man nun seit über zehn Jahren zusammen und an die Stelle der überlieferten Klezmerstücke, mit denen alles begann, sind in den meisten Konzertprogrammen längst Eigenkompositionen getreten.

Magie zweier Städte

Auf ihrer CD "Paris · Odessa" begeben sich die drei Instrumentalisten auf die Route von Paris ins ukrainische Odessa – eine der Städte, die "Paris des Ostens" genannt werden.

Die lange Reise von der einen in die andere Stadt haben die Musiker nicht auf sich genommen, auch wenn der atmosphärische CD-Opener ‚Night Train to Odessa‘ heißt und andere Stücke ihre Namen der Bukowina und den Karpaten verdanken. Aber Probenwochen hat das Trio in beiden Städten verbracht und sich von der Magie der Orte inspirieren lassen.

Die Titel "Marais" und "Moldawanka", beide zum Großteil ausgesprochen gemütlich klingend, nehmen Bezug auf jeweilige Stadtteile. "Le Chat Noir" ist eine Reverenz an eine stolze schwarze Katze, der man immer zur Mittagszeit in einem Pariser Café begegnete.

Vom teilweise morbiden Charme Odessas zeugen im Übrigen die Fotos der Musiker im Booklet, die allesamt dort aufgenommen wurden – wobei beim Coverfoto die Ähnlichkeit mit Pariser Häuserfronten verblüfft.

Aus dem Leben

Mitten aus dem Leben scheinen andere Tracks entsprungen, insbesondere "Taxi Bucuresti", ein jazzig angehauchtes Stück, das eine wilde Autofahrt in Bukarest evoziert, und das virtuose "Vodka Afinata", das seinen Titel einer feuchtfröhlichen Nacht mit Wodka und Blaubeerlikör verdankt.

Das Lieblingsstück des Ensemblegründers auf der CD heißt "Jodaeiye", ein persischer Begriff für Trennung. Bei diesem Stück denkt David Orlowsky an die Sehnsucht von Menschen, deren Familien in der Flüchtlingskrise auseinandergerissen wurden, es ist für ihn eine Mischung aus Verzweiflung und Gebet.

Klezmer-DNA

Doch wie unterschiedlich die Neukompositionen der drei exzellenten Instrumentalisten Popp, Dohrmann und Orlowsky ihren Überschriften nach auch sein mögen, ob assoziativ ("Donaumond") oder eher abstrakt. So gut wie alle von ihnen haben gemeinsame Merkmale, die sich aus dem Klezmer-Background der Formation ergeben.

Zum einen prägt Orlowskys Klarinette den Klang der Scheibe und er singt, lacht, spottet und weint auf seinem Instrument, wie man dies so nur aus dem Klezmer kennt. Und zum anderen ist es der bittersüße Charakter vieler Stücke, ihre Doppeldeutigkeit, die sie überbordende Lebensfreude und im nächsten Moment Melancholie ausstrahlen lässt.

Rainer Baumgärtner, kulturradio