Fadi Deeb: "Piano Music of Palestinian Composers" ©Montage: rbb
Bild: GideonBoss/ Montage: rbb

CD DER WOCHE | 03.07. - 09.07.2017 - Fadi Deeb: "Piano Music of Palestinian Composers"

Es dürfte die weltweit erste Kompilation dieser Art sein – "Klaviermusik Palästinensischer Komponisten" steht auf dem Cover. Erschienen ist die Aufnahme des jungen Pianisten Fadi Deeb vor kurzem beim Berliner Label Gideon Boss Musikproduktion.

Insgesamt acht palästinensische Komponisten sind auf der CD zu finden. Sie gehören drei verschiedenen Generationen an. Zwei von ihnen haben enge Verbindungen zu Berlin. Der Pianist Fadi Deeb wohnt in Haifa, ist in Nazareth aufgewachsen und hat sein künstlerisches Studium in Jerusalem und in den USA absolviert.

Romantisch oder gemäßigt modern

"Ob man in Europa lebt, in der Westbank oder innerhalb Israel - die palästinensische Identität befindet sich auf jeden Fall in der Musik.“ Das sagt Fadi Deeb. Die Musikauswahl für dieses besondere CD-Projekt hat er nicht allein getroffen. Die Forschungsarbeit dafür haben sein deutscher Produzent und ein israelischer Musikwissenschaftler erledigt. Einige der Biografien waren quasi unbekannt und einige Noten der älteren Werke wie die von Salvador Arnita verschollen.

Klaviermusik von acht sehr unterschiedlichen Komponisten findet sich auf dieser neuen CD. Ihre Geburtsjahrgänge reichen von 1914 bis 1970. Fadi Deeb ist aber kein Spezialist für zeitgenössische Musik arabischer Komponisten. Das braucht er für diese Auswahl palästinensischer Klaviermusik auch nicht zu sein. Denn die ist zumeist romantisch oder gemäßigt modern.

Kein gut organisiertes Musikleben

Einfühlsam und detailgenau hat der Pianist die oft nostalgisch wirkenden Stücke interpretiert. Aus Respekt für die Lebensleistung dieser Künstler: "Das wichtigste an dem Projekt war zu zeigen, dass all diese Komponisten aus keinem gut organisierten institutionellen Musikleben stammen. Es gab keine Konservatorien und keine klassische Szene, es sind ganz individuelle Wege, die sie mit ihrer eigenen Motivation gegangen sind. Keiner von ihnen gehört irgendeiner musikalischen Schule an."

Eigentümliche Musik von Amin Nasser

Besonders schön und wie aus der Zeit gefallen wirkt die Musik von Amin Nasser. Fadi Deeb hat die fünfte Klaviersonate Nassers eingespielt. Der Komponist wurde 1934 geboren, hat einige Jahre in Österreich und Deutschland studiert. Amin Nasser lebt heute hochbetagt in Ramallah und komponiert immer noch seine sehr eigentümliche Musik.

Seine Werke klingen am wenigsten orientalisch. Doch Fadi Deeb hat arabische Spuren überall gefunden, in Nassers Werken wie auch in denen der sieben anderen Komponisten. "Sie alle verwenden arabische Tonmodi, hie und da, mehr oder weniger. Sie alle sind melodieorientiert. Aber ihre Stile sind sehr unterschiedlich. In diesem Projekt hat jedes Stück seine eigene Welt und seine speziellen Herausforderungen."

Zwei der Komponisten in Berlin

Auch zu Berlin gibt es eine Verbindung in dieser Klavieranthologie. Zwei Komponisten leben oder lebten hier. Samir Odeh-Tamimi ist in der Neuen-Musik-Szene gut bekannt. Von ihm hat Fadi Deeb das komplexe Stück "Eine Erinnerung für das Vergessen" eingespielt.

Habib Hassan Touma heißt der andere Künstler. Er war Leiter des Festivals für Traditionelle Musik und des gleichnamigen Instituts. 1998 ist er in Berlin gestorben. Dass er auch spannende Musik komponiert hat, ist weder in Palästina noch in Deutschland wirklich bekannt. Überall habe er darin "orientalische Einflüsse gefunden. Aber er kleidet es mit moderner Musik ein. Wenn man sich aber seine Melodien und Rhythmen ansieht, seine Ornamente und Phrasierung, ist es so orientalisch, wirklich erstaunlich. Sehr intelligente Musik, die aber gleichzeitig aus dem Herzen kommt. Wunderbar."

Lebendige Kultur trotz Kriegen

Dieses wichtige Musikprojekt zeigt eindrücklich, wie lebendig und urban die Kultur in Palästina heute ist und auch schon immer war - nur so konnten Künstler wie diese Komponisten heranwachsen. Leider haben Kriege und Besatzung viele der Komponisten ins Ausland vertrieben. Sie bleiben aber ihrer Heimat verbunden - die Debüt CD von Fadi Deeb ist der Beweis.

Volker Michael, kulturradio