František Jiránek: Concertos; Montage: rbb

CD DER WOCHE | 24. - 30.10.2016 - František Jiránek: Concertos

Die tschechische Alte-Musik-Szene erblühte so richtig nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs", als junge Musiker zum Studieren ins Ausland gehen konnten und ihre Erkenntnisse zurück in die Heimat brachten. Die Ensembles, die sie zwischen 1995 und 2005 gründeten, prägen seither die sehr lebendige Prager Barockmusikszene.

Eines der hochklassigen böhmischen Ensembles ist das von der Traversflötistin Jana Semerádová geleitete Collegium Marianum. Noch mehr als viele ihrer Kollegen legt Semerádová in ihren Programmen Wert auf die Erforschung der einheimischen Musikhistorie. Zahlreiche böhmische Musiker des 17. und 18. Jahrhunderts erwarben sich an ausländischen Höfen einen hervorragenden Ruf, doch auch mancher der im Lande gebliebenen Komponisten verdient es, wiederentdeckt zu werden.

Auf seiner jüngsten CD hat sich das Collegium Marianum zum zweiten Mal dem Schaffen des 1698 auf einer Herrschaft des Grafen Wenzel Morzin geborenen František Jiránek zugewandt. Dieser wirkte zunächst als Page und danach als Violinist beim Grafen, der ihn zum Studieren nach Venedig schickte.

Dort war höchstwahrscheinlich Antonio Vivaldi Jiráneks Lehrmeister, von dessen Stil er viel abgeschaut hat. Doch da er 80 Jahre alt wurde, erlebte er den Wechsel von der barocken hin zur galanten Schreibweise – nach dem Tod Morzins wechselte er nach Dresden zum Reichsgrafen von Brühl.

Das Collegium Marianum präsentiert sechs Ersteinspielungen von Konzerten. Als Soloinstrumente sind Oboe, Fagott und Flöte vorgesehen, außerdem gibt es ein Tripelkonzert und ein Violinkonzert, bei dem unsicher ist, ob es von Jiránek oder von Vivaldi stammt. Die tschechischen Musiker, vorneweg Jana Semerádová und die Violinistin Lenka Torgersen, werden von den Gästen Sergio Azzolini, Fagott, und Xenia Löffler, Oboe, unterstützt.

Die Aufnahme beweist nicht nur Jiráneks Können – auffällig ist seine idiomatische Behandlung sowohl der Geige als auch der Blasinstrumente – sondern sie illustriert zugleich die exzellenten Fähigkeiten des Ensembles. In Kammerorchestergröße von nicht einmal einem Dutzend Musikern agierend, überzeugt es mit kernigem Ton und zupackendem Spiel.

Wieder einmal hat das Collegium Marianum damit zu Unrecht übergangene Trouvaillen der böhmischen Barockmusik der Vergessenheit entrissen.

Rainer Baumgärtner, kulturradio