Montage: rbb
Bild: Montage: rbb

CD DER WOCHE | 22.05. - 28.05.2017 - GrauSchumacher Piano Duo: "Fantasias"

Das Klavierduo Andreas Grau und Götz Schumacher hat eine neue CD eingespielt mit einer Sammlung von Fantasien aus ganz unterschiedlichen Epochen.

"Es sind alles Stücke, die uns seit langer Zeit unter den Fingern brennen“, sagt Götz Schumacher, der mit Andreas Grau im kleinen Sendesaal im Haus des Rundfunks die neue CD aufgenommen hat. Dieses Mal haben sich die Pianisten für ein Themenalbum entschieden.

Es waren die Fantasien, die sie gereizt haben, eine Form, die sich durch die Musikgeschichte, durch eine unglaublich lange Zeit erhalten hat und immer wieder Komponisten faszinierte, da sie immer den Moment der musikalischen Freiheit ermöglichte. Die Fantasie unterwirft sich keinem Kompositionsprinzip, ist nicht Sonate oder Rondo, kein Variationszyklus, keine Passacaglia.

Purcell

Das Album umspannt Werke aus drei Jahrhunderten. Dazu Götz Schumacher: "Ich finde, wir haben sehr verschiedene Stücke dabei, von der Länge her betrachtet, von der Bedeutung her sehr unterschiedliche Stücke - ein Spätwerk von Schubert, ein Frühwerk von Rachmaninow. Es ist eine große Abwechslung, ein Kaleidoskop, aber zusammengefasst unter einem Thema Fantasia."

Eröffnet wird mit englischem Barock, mit Musik von Henry Purcell - eigentlich ein Werk für Streicherensemble, für Gamben und Violen-Instrumente. Bearbeitet wurde diese Fantasia für vier Hände von György Kurtág. Andreas Grau mag diese Variante, da sie sich kaum Eingriffe erlaubt: "Es bleibt fünfstimmig, die Stimmen werden unverändert gespielt, es kommen auch keine weiteren hinzu. Er hat es nur auf das Klavier übertragen. Wir haben es in einer persönlichen Sammlung von Kurtág gefunden. Dies ist eine musikalische Schatztruhe, denn hier hat er alle Werke der Musikgeschichte, die ihn fasziniert haben, für sich aufs Klavier übertragen."

Bearbeitung der Bearbeitung – bei Mozart

Der Bearbeitung einer Bearbeitung begegnen wir in Mozarts f-moll-Fantasia. Diese schrieb Mozart ursprünglich für einen Musikautomaten in einem Wiener Wachsfiguren-Kabinett. Mozart hatte auch eine Fassung für vier Hände angefertigt, die Ferrucio Busoni wiederum für den modernen Flügel und für einen klangumgreifenden, spätromantischen Geschmack bearbeitet hat. Götz Schumacher erklärt: "Er hat die Fantasia für die acht Oktaven des Klaviers erweitert und Akkorde etwas fülliger gemacht. Den kleinen Tonumfang, den Mozart gewählt hat - eben dem Spielwerk geschuldet - hat Busoni gesprengt, indem er harmonische und melodiöse Ergänzungen eingefügt hat.

DIE Fantasie zu vier Händen - komponiert von Schubert

Zentrales Werk der CD ist Schuberts f-Moll-Fantasie aus dem letzten Lebensjahr des Komponisten. Oft wird sie als das wichtigstes Werk zu vier Händen überhaupt bezeichnet. Es begleitet die Pianisten schon sehr lange, sagt Andreas Grau: "Da waren wir noch als 16-jährige Schüler so an den Anfängen des vierhändigen Klavierspieles, noch bei unserem damaligen gemeinsamen Klavierlehrer in Reutlingen. Wir gingen noch zur Schule und hatten eben begonnen, das Repertoire zu vier Händen und an zwei Klavieren zu erkunden. Und ich glaube, die Schubert-Fantasie war im zweiten Programm, das wir uns erarbeitet haben."

Schubert, der vierhändige Musik in großer Anzahl hinterließ - man könnte mehrere Recital-Abende damit füllen - hat hier viel Unterhaltsames, bisweilen belanglos Schönes aufs Papier gebracht. Ganz anders zeigt sich das in dieser Fantasie. "Es ist diese harmonische Kühnheit! Es ist eine Fähigkeit, große Bögen zu spannen und Seelenzustände zu komponieren, zu malen mit einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. Er baut Energie auf, die im Nirgendwo endet. Das ist bekenntnishafte Musik mit existenzieller Dichte, die Schubert zu einem der wichtigsten Komponisten für uns Musiker macht", sagt Andreas Grau.

F-Moll steht im Titel, in Wahrheit wechselt Schubert dutzende Male die Vorzeichen und wechselt auch oft die Taktart - er agiert völlig regelfrei. Das erste Motiv, eine Art Klopfen, durchzieht dabei das gesamte Stück und gipfelt in einem wüsten Fugen-Turm, dessen Aufbau unvermittelt beendet wird, um zum Anfangsgestus zurück zu kehren. Beim Duo GrauSchumacher kann man dieses Hin und Her unglaublich logisch nachvollziehen. Mal schweben die tänzerischen Rhythmen, mal baut sich massiv Stein für Stein die Fuge auf. Jede Stimmführung ist dabei aufs Schönste herausgearbeitet.

Rachmaninows Suite Nr. 5 - Fantasie in vier Sätzen

In Rachmaninows Fantasia op. 5 bekommt man noch mehr von der Meisterschaft des Duos zu hören. Hier wandeln sie ganz impressionistisch und glasklar in den Empfindlichkeiten des 20jährigen Komponisten, der ausprobiert, was in zwei Klavieren so stecken mag. Beide sind der Meinung: "Rachmaninow hat einen seltsamen Ruf, er wurde von vielen unserer Kollegen in die überflüssige Kitschecke geschoben. Das haftet ihm an: der Russe, der in Amerika Erfolge feierte. Aber sobald man das hört, muss man fasziniert sein. Das lebt so sehr vom Klavierklang, als wäre es dem Klavier gegeben, wie eine Harfe zu klingen, wie Trompeten oder wie Kirchenglocken!"

Dieses sinfonische Klanggemälde für zwei Klaviere ist ein dankbares Stück für das Duo, das mit Technik brillieren kann, tausend und eine Klangabstufung zeigt und im Zusammenspiel eine extrem harmonische Wucht ergibt. Fantastisch - diese Fantasien.

Cornelia de Reese, kulturradio