Jan Dismas Zelenka "Sonatas" ©Accent, Montage: rbb
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CD DER WOCHE | 05.06. - 11.06.2017 - Jan Dismas Zelenka: Sonaten ZWV 181

Mit den sechs Triosonaten hat das Collegium 1704 ein Schlüsselwerk von Jan Dismas Zelenka aufgenommen – es ist bereits die siebte CD des Ensembles mit Kompositionen des Dresdner "Kirchenkompositeurs".

Der in einem Dorf südlich von Prag geborene Zelenka gilt als der größte Barockkomponist Tschechiens. Im Jahr 1704 trat er mit einem so genannten Jesuitendrama erstmals in Erscheinung und Václav Luks sieht diese Jahreszahl als derart bedeutend an – sie markiert für ihn den Beginn des "goldenen Zeitalters" der böhmischen Barockmusik – dass er sie in seinen Ensemblenamen aufnahm. Von Zelenka sind überwiegend geistliche Vokalkompositionen überliefert, die er am sächsischen Kurfürstenhof komponierte. Doch mit seiner Sammlung von Sonaten weist er auch im Bereich der Instrumentalmusik sein überragendes Können nach.

Musikalischer Mount Everest

Die sechs Sonaten "a 2 oboi (violino) e 2 bassi obligati" (ZWV 181) darf man mit Fug und Recht als Mount Everest der barocken Kammermusik für Oboe bezeichnen. "Was das schiere Ausmaß der Sonaten angeht, was die technischen Anforderungen anbelangt, was die Raffinesse an Kontrapunkt betrifft, sprengen sie alle Rahmen, die man bis dahin gekannt hat," urteilt die Berliner Oboistin Xenia Löffler, die seit langem mit dem Collegium 1704 auftritt und in der Neuaufnahme die erste Oboe spielt. Zelenka habe mit dem Zyklus einen Meilenstein seines Schaffens setzen wollen, mutmaßt sie.

Tour de force

Sowohl für Interpreten als auch für Zuhörer stellt der Zyklus eine Tour de force dar. Xenia Löffler kann sich nicht vorstellen, alle Sonaten auf einmal im Konzert zu spielen. Zu anstrengend. Und auch für das Publikum wäre dies ihrer Meinung nach wahrscheinlich zu intensiv. Deshalb mischt sie die Instrumentalstücke bei Auftritten gerne mit Vokalmusik. Zelenka hat in seiner geschickt zusammengebauten Abfolge zumindest eine kleine Zäsur eingebaut, denn in der dritten Sonate ersetzt eine Violine die zweite Oboe.

Spekulationen

Es gilt als gesichert, dass der Kontrabassist die Sonatensammlung um das Jahr 1721 herum aufgeschrieben hat. Welchen Anlass er dafür hatte, ist allerdings unbekannt. Vielleicht entstand sie anlässlich der Krönung von Kaiser Karl VI. zum böhmischen König, vielleicht wollte er mit der beispielhaften Komposition böhmische Adelige als Auftraggeber gewinnen. Sicher ist, dass die Sonaten in ihrem kunstvollen und gelehrten Aufbau eine Frucht seiner Studien beim Wiener Hofkapellmeister Johann Joseph Fux waren, bei dem er mit fast 40 Jahren noch einmal in die Lehre ging. Ansonsten ist viel über den Gehalt der Sammlung spekuliert worden, bis dahin, dass man darin seine versteckte Lebensbeichte als Homosexueller nachzuweisen glaubte.

Überzeugende Interpretation

Die sieben von Václav Luks am Cembalo angeführten Musiker des Collegium 1704 überzeugen in der Neuaufnahme mit ihrem vitalen und expressiven Spiel. Zuvorderst natürlich die beiden Oboisten Xenia Löffler und Michael Bosch sowie die Fagottistin Jane Gower. Kontrabassist Luděk Braný verleiht dem Ganzen ein erdiges Fundament. Und die Interpreten schrecken, wie schon der Komponist Zelenka, nicht vor Experimenten zurück. Die rätselhaften Fermaten, die im originalen Aufführungsmaterial zur vierten Sonate auftauchen – in der autographen Partitur fehlen sie noch – hat das Collegium als plakatives Innehalten interpretiert, das der Musik etwas Schwereloses verleihen soll.

Wie warnt Xenia Löffler doch im Gespräch: "Da wird einem geradezu schwindelig beim Spielen und ich hoffe beim Hören auch. Also: Hinsetzen beim Hören!"

Rainer Baumgärtner, kulturradio