Johann Melchior Molter: Konzerte für Trompeten & Hörner; Montage: rbb
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CD DER WOCHE | 18.09. - 24.09.2017 - Johann Melchior Molter: Konzerte für Trompeten & Hörner

Johann Melchior Molter ist einer der Komponisten, die das Ende des Barock einläuteten, zur ersten Garde seiner Zunft wird er freilich nicht gezählt. Wenn ein Ensemble wie die Musica Fiorita aus Basel nun aber nicht nur ein facettenreiches Bild seines Schaffens für Bläser liefert, sondern dies erstmals auf authentischen Instrumenten seiner Zeit tut, dann hat diese CD höchste Aufmerksamkeit verdient. Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge!

Musica Fiorita - Ein Kader mit gemeinsamer musikalischer Sprache

Die Musica Fiorita – auf Deutsch: Verzierte Musik – ist eines von vielen Ensembles, die im Umfeld der renommierten Schola Cantorum Basiliensis existieren. Das Baseler Forschungs- und Lehrinstitut ist eine Kaderschmiede der Alte-Musik-Szene, die Studenten aus aller Herren Länder anlockt. Infolge dieses einheitlichen Ausbildungsweges besitzen die Mitglieder der seit 27 Jahren bestehenden Musica Fiorita untereinander ein gutes Verständnis und eine gemeinsame musikalische Sprache. Und deshalb sieht sich die Ensemblegründerin Daniela Dolci, aus Sizilien stammende Cembalistin, auch nicht als Alleinherrscherin, sondern als Taktgeberin unter Gleichen.

Exemplarischer Lebenslauf

Am liebsten gräbt Daniela Dolci für ihre Formation unbekanntes italienisches Repertoire des Barock aus. Doch für ihr jüngstes Aufnahmeprojekt, realisiert in der in einem Park inmitten Basels gelegenen Adullamkapelle, hat sie vor allem Kompositionen für Blasinstrumente des durchaus nicht unbekannten Thüringers Johann Melchior Molter zusammengetragen.

Dessen Lebensgeschichte kann als exemplarisch gelten für den eines höfischen Musikers der Barockzeit. Als 21-jähriger Geiger kam er zum badischen Markgrafen an die neu gegründete Residenz Carols-Ruhe, heute Karlsruhe. Er durfte sich lange in Italien weiterbilden, doch bald nach seiner Rückkehr – und Ernennung zum Kapellmeister – ging der Graf nach Basel ins Exil und löste seine Hofkapelle auf. Molter fand in der Heimat eine gleichrangige Anstellung beim Herzog von Sachsen-Eisenach, doch dieser starb wenige Jahre später und sein Nachfolger entließ alle Hofmusiker. Für Molter wandte sich schließlich alles zum Guten, denn nach Karlsruhe zurückgekehrt erhielt er vom neuen badischen Markgrafen viel Anerkennung, ein gutes Gehalt und ein recht großes Orchester zur Verfügung. Bis zu seinem Tod mit knapp 69 Jahren.

Bläsermusik

Die badische Hofkapelle war insbesondere mit guten Bläsern ausgestattet und dürfte der Grund sein, dass Molter Dutzende von Werken für dieses Instrumentarium schuf – von der Flöte bis zur Chalumeau, einem Klarinetten-ähnlichen Rohrblattinstrument. "Ich liebe das Chalumeau", sagt Daniela Dolci, "es hat einen besonderen Charme und eine weiche und sinnliche Seite." Auf der CD ist es vor allem mit einem Divertimento für zwei Chalumeau und zwei Hörner vertreten. Ein anderes Lieblingsstück der Cembalistin ist das für die Weihnachtszeit vorgesehene Concerto Pastorale, die einzige Komposition ohne Bläser auf der CD.

Authentische Instrumente

Ansonsten dominieren die Klänge von Trompeten und Hörnern das Geschehen, denn schließlich waren sie es auch, die den Anstoß für die neue Aufnahme lieferten. Oder genauer: Es war die Erkenntnis, dass es von Molters anspruchsvollen Konzerten bislang keine Aufnahmen mit authentischen Instrumenten gab. "Wenn man CDs macht als Dokument, und das ist unser primäres Interesse, warum wir CDs machen, dann sollte das auf jeden Fall mit Naturtrompeten ohne Löcher sein", betont Dolci. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die meisten Trompeter der
Alte Musik-Szene Instrumente verwenden, die zum Zwecke leichteren Spielens mit Hilfslöchern versehen sind. Doch diese gab es im Barock nicht! Hingegen ist es äußerst schwierig, Naturtrompeten ohne Löcher zu blasen, vor allem in der Intonation. Bislang wagen sich nur wenige Musiker daran.

Ritt auf der Rasierklinge

Einer der Pioniere beim Verwenden von Naturtrompeten und Naturhörnern ohne unhistorische Korrekturlöcher ist der Franzose Jean-François Madeuf, der in Paris und an der Schola Cantorum Basiliensis unterrichtet. "Der ist einfach Spitze", sagt Daniela Dolci, "Weltspitze!"

Madeuf interpretiert das Trompetenkonzert Nr.1 von Molter und zusammen mit seinen Schülern Henry Moderlak und Tomohiro Sugimara (Naturtrompeten) sowie Olivier Picon (Naturhorn) führt er Werke für zwei und drei Trompeten sowie zwei Hörner auf. Die Klänge, die sie auf ihren nachgebauten historischen Instrumenten sind ebenso faszinierend wie aufmerksamkeitsheischend. Zugleich vermitteln sie häufig das Gefühl, welchen Ritt auf der Rasierklinge das exakte Intonieren auf den Originalinstrumenten bedeutet. Die Kollegen der Musica Fiorita haben sich lange damit auseinandergesetzt, was sie an ihrer Spielweise und ihrem eigenen Instrumentarium – dickere Saiten, andere Oboen-Rohrblätter – ändern müssen, um sich an den authentischen Naturtrompetenklang anzupassen.

Rainer Baumgärtner, kulturradio