Leopold Kozeluch: Klavierkonzerte Nr. 1, 5 & 6; Montage: rbb
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CD DER WOCHE | 06.02. - 12.02.2017 - Leopold Kozeluch: Klavierkonzerte Nr. 1, 5 & 6

Auf seiner neuesten CD hat Howard Shelley drei Klavierkonzerte von einem der vielen böhmischen Musiker verewigt, die im 18. Jahrhundert ihr Glück in Wien suchten.

Der Engländer Howard Shelley ist ein vielbeschäftigter Musiker – als Pianist und Dirigent mit internationalen Konzertauftritten, vor allem aber als Protagonist von CD-Aufnahmen. Gut 160 Titel umfasst seine Diskographie aktuell, wobei er die 70 Folgen umfassende Reihe "Das romantische Klavierkonzert" beim Label Hyperion zu erheblichen Teilen bestückt hat, mit Werken von Benedict bis Thalberg. Für die neue Serie "Das klassische Klavierkonzert" ist er bislang sogar ganz alleine verantwortlich. In der vierten Folge hat er sich drei Werken des Böhmen Leopold Kozeluch gewidmet.

Neue Wege

Das Aufnehmen von CDs ist eine Lieblingsbeschäftigung von Shelley, die dadurch begünstigt wird, dass sich die Plattenfirmen seit einiger Zeit zunehmend für Werke abseits der ausgetretenen Interpretenpfade interessieren. Und diese Veröffentlichungspolitik korrespondiert bestens mit den Intentionen des 66-jährigen Briten. Denn wenn er auch bekannte Klavierwerke von Beethoven, Rachmaninow oder Grieg aufgenommen hat, so setzt sich Shelley doch besonders leidenschaftlich für unbekanntes Repertoire ein.

Dafür nimmt er beträchtliche Mühen auf sich. Denn oft müssen erst die Noten der einzelnen Stimmen eines Werkes zusammengesucht werden, bevor es ans Editieren und Erstellen des Aufnahmematerials gehen kann. Am Ende des ganzen Prozesses ist der Solist schließlich auch noch beim Schneiden der endgültigen Hörfassung beteiligt, um sicherzustellen, "dass das Resultat so nahe an mein Ideal für das Stück herankommt wie möglich".

Kein Wunder, dass die Werke für ihn zu so etwas werden "wie Kinder". (Einer seiner beiden wirklichen Söhne ist übrigens ebenfalls Dirigent geworden.)

Musikalische Schätze

Begriffe wie "Schatzsucher" oder "Goldgräber" für seine Tätigkeit findet Howard Shelley zwar unpassend, dennoch befindet sich auch nach seiner eigenen Ansicht mancher Schatz unter den Werken, die er erstmals auf Tonträger gebannt hat. Schon alleine deshalb, weil er die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts und den Beginn des darauffolgenden als faszinierende Epoche empfindet.

Das Klavier steckte damals noch in den Kinderschuhen und entwickelte sich erst ganz allmählich in die Richtung des Instrumentes, das wir heute als "Piano" kennen. Entsprechend experimentierten auch die Komponisten damals mit den Möglichkeiten des Hammerflügels.

Ein Böhme in Wien

Auf seiner neuesten CD hat Howard Shelley drei Klavierkonzerte von einem der vielen böhmischen Musiker verewigt, die im 18. Jahrhundert ihr Glück in Wien suchten. Der Schustersohn Leopold Kozeluch aus der Nähe von Prag, der mit 31 Jahren in die Donaumetropole kam, feierte beträchtliche Erfolge als komponierender Virtuose, Verleger sowie Musiklehrer am Kaiserhof. Shelley lobt die klassische Eleganz seines Stils und die "Mozartsche Leichtigkeit, mit gelungenen Figurationen und einem Rokoko-artigem Charme".

Ganz besonders gut gefallen ihm Kozeluchs langsame Sätze, die ihn aus dem Gros seiner zeitgenössischen Komponistenkollegen herausheben, dank ihrer "sanglichen Linien so wie die von Mozart. Sie sind ganz einfach gestaltet, aber er behandelt sie wunderbar." Dennoch gesteht auch der neuzeitliche Verehrer ein, dass sich Kozeluchs Werke nur wie ein "leicht verdünnter" Mozart anhören und sich nicht mit den Meisterwerken seines damaligen Wiener Konkurrenten messen können.

Doppelfunktion

Die beachtlichen Qualitäten von Kozeluchs Tonsätzen vermittelt Howard Shelley zusammen mit einem Ensemble, das seine enge Verbindung zu Mozart und seiner Zeit schon im Namen dokumentiert. Die London Mozart Players sind das älteste britische Kammerorchester und Shelley ist dessen Ehrendirigent.

Wie immer verwendete er bei der Aufnahme einen Steinway Flügel und dirigierte das Orchester vom Klavier aus. Shelley schwört auf die direktere Verbindung zum Tutti, die er als Solist besitzt, anders als mit einem zusätzlichen Dirigenten. Und da er bei diesem Verfahren auch das Verantwortungsbewusstsein der einzelnen Musiker für das Ganze gesteigert sieht, will er auch in Zukunft bei seiner Doppelfunktion bleiben – solange ein besonders anspruchsvoller Klavierpart ihm dies nicht unmöglich macht.

Rainer Baumgärtner, kulturradio