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CD DER WOCHE | 29.05. - 04.06.2017 - Lili Kraus spielt Mozarts Klavierkonzerte

Mitte der 60er Jahre hat die ungarische Pianistin Lili Kraus in nur kurzer Zeit alle 25 Klavierkonzerte von Mozart aufgenommen – mit dem Vienna Festival Orchestra unter der Leitung von Stephen Simon. Diese Gesamteinspielung, damals auf Vinyl, wurde jetzt neu "gemastered" und auf insgesamt zwölf CDs wiederveröffentlicht.

Vom Cover der CD-Box lächelt uns selbstbewusst eine ältere Dame an: vollschlanke Figur, goldglitzerndes Kleid, Perlenkette, lange Ohrringe, hoch gestecktes Haar. Lili Kraus. 1903 in Budapest geboren, gestorben 1986 in den USA.

Lili Kraus: Grande Dame und große Mozart-Interpretin

Ihre Interpretationen von Mozarts Klaviermusik seien "mehrere Generationen lang das Nonplusultra für alle Musikfreunde- und sammler gewesen – so ist in dem Begleitbooklet der CD-Box zu lesen. Das gilt zumindest für die USA. In Deutschland hingegen ist Lili Kraus eher unbekannt geblieben. Mit der Wiederveröffentlichung ihrer Aufnahmen entdecken wir eine große Mozart-Interpretin neu.

In Berlin war Lili Kraus einst Schülerin des österreichischen Pianisten Artur Schnabel, der sie langfristig beeinflusst hat. Wie er spielte sie am liebsten aus Urtext-Ausgaben. Wäre es nach Lili Kraus gegangen, hätte sie Mozart auf einem historischen Instrument eingespielt. Das allerdings machte ihre Plattenfirma nicht mit.    

50 Jahre alte Originalbänder

Als Lili Kraus 1965 und 1966 sämtliche Mozart-Klavierkonzerte aufnahm, war sie bereits über 60 Jahre alt. Ein knappes halbes Jahrhundert ist das jetzt her.

Wie gut oder nicht eine Jahrzehnte alte Aufnahme restauriert und neu auf CD hörbar gemacht werden kann, das hängt im Wesentlichen davon ab, wie die Originalbänder gelagert wurden und in welchem Zustand sie sind – erzählt Matthias Erb. Er ist Tonmeister im Berliner Musikstudio B-Sharp, gemeinsam mit zwei Kollegen hat er die Einspielungen von Lili Kraus aufbereitet: "Die Bänder sind das A und O für uns. Auch bei den guten waren teilweise Passagen dabei, wo aufgrund der Lagerung tieffrequente Störsignale sich magnetisiert haben, die jetzt sehr stark hervortreten, die eigentlich nicht aufgenommen wurden. Das ist wie so ein Ploppen."

Dieses "Ploppen" und ähnliche Störgeräusche hat Matthias Erb mit seinem Team entfernt, so gut es ging. "Wir machen da keinen tieffrequentigen Filter, denn wir wollen die Tiefen natürlich hören, wir wollen die Kontrabässe bis ganz unten hören, wir wollen den vollen Frequenzumfang des Klaviers hören. Wir gehen dann konkret in die Situation, wo dieses Ploppen besonders schlimm ist und arbeiten das konkret raus. Da kann es passieren, dass wir in einem Werk oder in einer CD hundert solcher Stellen haben, die wir dann einzeln rausarbeiten. Aber dafür erhalten wir einfach den Rest des Frequenzgangs und erhalten den Grundklang maximal gut."

Einige Originalbänder waren stark beschädigt

Mozarts Klavierkonzert Nr. 20. ist das erste der beiden Klavierkonzerte, die Mozart in Moll schrieb. Und: Es ist dramatischer und in der Form freier gestaltet als seine vorherigen Klavierkonzerte. Das Stück gehört zu den Wegbereitern kommender musikalischer Epochen. Lili Kraus hat es im Mai 1965 eingespielt.

Ausgerechnet hier hat das Originalband die Lagerung nicht überlebt. Glücklicherweise gab es eine sogenannte U-matic-Kopie, die für die Aufbereitung genutzt werden konnte. Die betroffene CD klingt daher ein wenig dumpfer als die anderen. Dennoch ist das besondere Spiel von Lili Kraus gut zu hören: transparent und leicht und klar, äußerst korrekt, aber dabei von hoher Musikalität.

Lili Kraus hatte eine sehr strenge Art der Kadenzdurchführung, erzählt Matthias Erb. "Das würde heutzutage oftmals stärker ausschweifen. Aber was damals, das erinnere ich jetzt gerade wieder, was gleich ist wie heutzutage, was dort in diesen Masterbändern sehr gut hörbar war, ist dass die Solo-Kadenzen teilweise separat aufgenommen wurden, ohne das Orchester."

Der Raum, der Hall der Kadenzen klingt im Originalband daher viel trockener als der Raum unter dem Orchester. "Wenn der Einsatz des Orchesters ist, da gibt es geglücktere oder weniger geglücktere Blenden und wir sind natürlich bestrebt, das möglichst flüssig und natürlich klingen zu lassen, aber es ist schon so, dass das hörbare Schnitte sind." Damit man die Blenden und Schnitte möglichst wenig hört, musste mit künstlichem Hall nachgearbeitet werden.

Aufnahme mit Patina – und ein besonderes Musikerlebnis

Diese und andere Stellen verraten, dass es sich um eine ältere Aufnahme und nicht um eine Neueinspielung handelt. Eine Aufnahme mit Patina, wie Matthias Erb es nennt: "Auch so eine Grundpatina: das Rauschen natürlich, welches wir bewusst nicht rausnehmen, sprechen natürlich auch für das Alter der Aufnahme, und daran ist es sehr gut erkennbar eigentlich, auch anhand des Rauschens, in welchen Jahren das aufgenommen wurde, das Material."

Die wiederentdeckten Einspielungen der Mozart-Klavierkonzerte von Lili Kraus sind ein Erlebnis. Man hört eine großartige Pianistin. Und: Bemerkenswert ist die Zusammengehörigkeit der 12 CDs. Denn die zeitliche Abfolge der Aufnahmen war außergewöhnlich dicht, erzählt Matthias Erb: "Das sind drei Sessions, ein bis zwei Wochen, und es ist immer das gleich Orchester, es ist immer das gleiche Aufnahmeteam, der gleiche Aufnahmetonmeister usw. Es ist alles in Wien entstanden, im gleichen Saal, also es gibt eine sehr hohe interpretatorische Ähnlichkeit untereinander in diesen Werken, und es hört sich an als wenn das alles zusammen eingespielt worden wäre. Das ist spürbar. Das ist wie ein Konzertabend. Und das ist besonders auf jeden Fall."

Antje Bonhage, kulturradio