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CD DER WOCHE | 02.10. - 08.10.2017 - Martha Argerich and Friends: Live from Lugano 2016

Es war immer ein verlässlicher Termin: im Herbst kam sie, die CD mit verschiedenen Aufnahmen des Kammermusik-Festivals Lugano, das Martha Argerich seit 2002 dort organisiert hatte. Diese Tradition findet in diesem Jahr nun seinen Abschluss, denn das Festival fand 2016 zum 15. und zum letzten Mal statt.

Das ist bitter für die Freunde von Martha Argerich, weil sie ihre Freundin nicht mehr musikalisch in Lugano treffen werden. Es waren immer drei Wochen, in der Argerich junge und alte Freunde eingeladen hatte, mit ihr zu spielen.

Schade vor allem für das Publikum, das keinen musikalischen Anlass mehr in Lugano findet, dort die berühmt-berüchtigte Argerich zu treffen – denn Martha Argerich ist bekannt dafür, ihre Konzerte auch kurzfristig abzusagen. In Lugano könnte man sich aber sicher sein, dass sie spielen würde: Hier spielten ihre Freunde, hier war sie immer mit von der Partie. Auch 2016 – aus finanziellen Gründen der letzte Jahrgang: "Martha Argerich - Argerich and Friends Live from Lugano 2016".

Das Festival in Lugano

Es war ein Festival, in dem sich Martha Argerich musikalisch austoben konnte. Sie stellte ihre Programme nicht unter ein Motto, sondern ihr Anliegen war es, ihre Freunde dabei zu haben, mit ihnen jene Werke zu spielen, zu denen sie einfach Lust hatte. Das waren mal bekannte Stücke; mal war das Festival der Anlass, Neues zu erkunden. Und so war das Repertoire in Lugano immer sehr gemischt.

Abwechslung im Programm

Auf den CDs des Abschlussjahres gibt es also Bekanntes, z.B. Ravels Klavierkonzert mit dem hiesigen Orchester. Ein Werk, das Martha Argerich gern und häufig spielt.

Ein anderer Pfeiler des "Progetto Martha Argerich", wie sie es selber nannte, waren auch immer vierhändige Werke oder Stücke für zwei Klaviere. Die Sonate von Mozart für 2 Klaviere (KV 448) gehört zu den Kompositionen, die Argerich oft spielt. Mal mit dem langjährigen Freund Daniel Barenboim, mal mit ihrer ehemaligen Schülerin und inzwischen verlässlichen Klavierpartnerin Lilya  Zilberstein. In der vorliegenden Aufnahme ist Martha Argerich mit dem amerikanisch-armenischen Pianisten Sergei Babayan zu hören. Spiellaunig zupackend, mit einer Prise Melancholie versehen, die diese Sonate so gut verträgt.

Auch unbekanntere Werke kommen vor: wie Busonis Violinkonzert – Busoni feierte im letzten Jahr seinen 150. Geburtstag. Solist in diesem Fall: Stammgast Renaud Capucon.

Eine Seltenheit!

Ebenso liegt die Abwechslung in der Besetzung, mal groß, mal klein. Sogar ein Solo-Werk ist zu hören! Ravels "Gaspard de la nuit". Eine Seltenheit, denn eigentlich tritt Martha Argerich seit Jahren grundsätzlich nicht mehr allein auf. Zu sehr hat sie mit Lampenfieber und Nervosität zu kämpfen. Diesmal gelang ihr der Auftritt, weil ihre Tochter mit auf der Bühne war. Sie las jene Gedichte vor, die Ravel zu dieser wahnsinnig schweren Suite inspiriert hatten.

Die Aufnahme beweist: Obwohl Martha Argerich diese Werke über 30 Jahre nicht mehr live interpretierte: die Pianistin hat nichts von ihrem zerbrechlich schönen Anschlag verloren, alle Zartheit, alle Wildheit sind hier gebündelt: hoch-energetisch und brillant.

Neues neben Altem

Das Repertoire des Festivals stellte auch regelmäßig Alte und Neue Musik nebeneinander: 2016 war es Bachs c-Moll-Violinsonate neben dem Werk des Bandoneon-Spielers Marcelo Nisinman, der seinen Tango für Martha Argerich spielte.

Ein weiterer Höhepunkt der CD: die Chorfantasie von Ludwig van Beethoven. Eine derart große Besetzung war beim Lugano-Festival noch nie zu hören. Orchester, Chor und der von Martha Argerich gespielte Klavierpart – eine Neuheit in ihrer Diskographie– wohl auch eine Art Geschenk an sich selbst, denn 2016 feierte die Pianistin ihren 75. Geburtstag.

Wehmut

Die regelmäßig erscheinenden CDs vom Lugano-Festival waren stets ein Garant dafür, Werke neu zu entdecken und die eigene Sammlung um hochkarätige Aufnahmen zu ergänzen. Wehmut und ein Hauch von Abschied liegt zum Beispiel in Brahms' Horntrio, das selten so warm geschmettert wurde wie in der Aufnahme vom Lugano Festival 2016. Wehmut liegt in dieser Musik. Das entspricht voll und ganz den Empfindungen, wenn man diese CDs in der Hand hält. Das letzte Festival in Lugano, das letzte Mitschnitt-Set. Der Jahrgang 2017 wird fehlen!

Cornelia de Reese, kulturradio