Matthias Well - Funeralissimo, Montage: rbb
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CD DER WOCHE | 11.09. - 16.09.2017 - Matthias Well: "Funeralissimo"

Einmal im Jahr honoriert der Fanny Mendelssohn Förderpreis junge Musiker mit einem überzeugenden musikalischen Konzept. Preisträger in diesem Jahr war der Geiger Matthias Well.

Matthias Well stammt aus München, ist 24 Jahre alt und hatte die Idee, Trauermusiken verschiedener Kulturen zusammenzutragen und zu interpretieren. Diese Trauermusiken hat er nun auf einer CD zusammengefasst – und mit dem Fantasiewort "Funeralissimo" betitelt. In dem Wort stecken das englische "funeral" und das italienische "funerale", was so viel wie "Beerdigung" oder "Begräbnis" bedeutet.

Von Bayern über den Balkan durch die ganze Welt

"Allerseelen Jodler" heißt das erste Stück auf der CD – eine Hommage an seine Heimat Bayern. Sein Großvater war Dorflehrer und war auch für die musikalische Gestaltung der Beerdigungen im Dorf zuständig. Den Enkel nahm er zu den Begräbnissen oft mit. Der Allerseelen Jodler wurde dort fast immer gespielt. Matthias Well ist er daher von kleinauf vertraut. Direkt im Anschluss folgt auf der CD ein Tanz aus dem Balkan, den Wells Freund, der Akkordeonist Zdravko Živkovič, aus seiner serbischen Heimat mitgebracht hat.

Oft werde im Balkan ein und dieselbe Musik zu verschiedenen Anlässen gespielt, erklärt Matthias Well: "Man kann die Musik auf Hochzeiten spielen, genauso wie auf einer Beerdigung. Der einzige Unterschied ist ein Improvisationsteil. In diesem Teil kann man seine Gefühle ausdrücken. Aus diesem Grund haben wir das Stück mit auf die CD genommen – und ein bisschen frei improvisiert zwischendrin."

Neben Trauermelodien aus Europa sind auf der CD Begräbnismusiken und Totentänze aus Afrika, Asien sowie Süd- und Nordamerika vertreten. Matthias Well hat die Stücke mithilfe seiner internationalen Freunde zusammengesucht. Das macht das Album sehr persönlich.

Die Geige als Begräbnisinstrument

Die meisten Werke hat er selbst für die Violine arrangiert. Die sogenannten Trauerviolinisten waren im 17. Jahrhundert eine eigene Zunft. Bei ihnen war die Geige das  Instrument der Begräbnismusik. Geiger Matthias Well findet diese Rolle für sein einfühlsames, empathisches Instrument sehr passend.

Mit der a-Moll-Violinsonate von Johann Sebastian Bach verbindet er persönliche Erinnerungen: Matthias Well spielte sie auf der Trauerfeier nach dem Unfalltod zweier Mitschüler. Da habe er gemerkt, wie emotional Musik und vor allem das Geigenspiel sein können. "Das war ein sehr bewegendes Erlebnis für mich", erzählt Matthias Well.

Trauer in unterschiedlichen Tonarten

Für die Anordnung der Stücke gab nicht deren geografische Herkunft, sondern die Tonart den Ausschlag: "Da ging es mir eher darum, dass es abwechslungsreich ist, dass nicht zweimal etwas in derselben Tonart nacheinander kommt und dass auch mal etwas Fröhliches dazwischen eingeschoben wird. Es sollte möglichst durch alle Facetten gehen, auch durch alle Facetten der Kulturen."

Das Stück "Raga" ist eine Improvisation aus Indien. Stundenlang werde bei einer Trauerzeremonie musikalisch um zwei Leittöne herum improvisiert, was etwas sehr Meditatives habe.

Eingängige Musik, die etwas Versöhnliches hat

Trotz des ernsten Themas der CD haben die ausgewählten Stücke alle eine gewisse Leichtigkeit. Etwas zutiefst Versöhnliches. Für Matthias Well haben alle Stücke unabhängig ihrer Herkunft miteinander gemeinsam, dass ihre Melodien sehr einprägsam sind. "Es ist eine Musik, die nicht besonders kompliziert gestrickt, die dadurch aber sehr berührend ist – und Emotionen auslöst."

Antje Bonhage, kulturradio