{oh!} - Orkiestra Historyczna: Music of the Warsaw Castle; Montage: rbb
Bild: DUX

CD DER WOCHE | 17.07. - 24.07.2017 - "Music of the Warsaw Castle"

Das junge polnische Barockorchester {oh!} Orkiestra Historyczna hat auf seiner dritten CD mit französischer Musik aus der Zeit um 1700 eine interessante Visitenkarte abgegeben. Mit Aufnahmen aus zwei Konzerten.

Zunächst einmal zieht der Name des Ensembles, beziehungsweise dessen Abkürzung, die Aufmerksamkeit auf sich. Als die auch bei vielen anderen Projekten mitwirkende Geigerin Martyna Pastuszka vor fünf Jahren zusammen mit dem Ensemblemanager Artur Malke das Orkiestra Historyczna gründete, kamen sie auf diese Kurzform {oh!}. Sie sieht aus wie direkt aus einem Comic geschlüpft und macht von vornherein klar, dass man es hier nicht mit einer 08/15-Formation zu tun hat.

Das Kürzel ist Programm

Durch das {oh!} – polnisch: och! – erhalte jeder sofort eine Idee davon, wie die Gruppe aufgestellt sei, sagt Martyna Pastuszka, "eher extravagant, wie mit Ausrufezeichen, und extrovertiert". Der Wagemut, der sich im Namenskürzel ausdrückt, soll nach ihrem Wunsch auch die Spielweise des Ensembles prägen.

Das bedeutet dann, dass man beispielsweise in den Opernsuiten von Lully, Marais und Campra auf der CD ein etwas bunteres Schlagwerk verwendet als dies allgemein üblich ist. Sogar Ketten von einem Bauernhof hat man besorgt, um André Campras "Tanz der Krieger" noch ausdrucksstärker realisieren zu können. Da der erwiesene Einsatz von Perkussionsinstrumenten in der französischen Barockmusik häufig überhaupt nicht notiert wurde, sind derlei interpretatorische Freiheiten in jedem Fall legitim.

Politisches Statement

Dahinter verbirgt sich aber auch ein politisches Statement. Denn die Musikerziehung in Polen sei nach russischem Vorbild organisiert, erklärt Pastuszka, bei dem früh ausgesiebt werde und man "nie gut genug" sei. Dies verleide vielen Menschen die Lust am eigenen Musikmachen und hindere andere an der Entfaltung ihrer Möglichkeiten. {oh!} sei ein Projekt, das den Beteiligten bewusst viele Freiräume gebe. Einen fantasievollen Musiker, der seine Träume verwirkliche, indem er eine Suite beim Schlagwerk um eine spezielle Klangfarbe anreichere, wolle sie auf keinen Fall frustrieren.

Martyna Pastuszka, Violine; © Adam
Martyna Pastuszka; © Adam | Bild: Adam

Ohne Netz und doppelten Boden

Die neue {oh!}-CD ist aus Mitschnitten zweier Liveauftritte zusammengesetzt – einer davon wurde mit einer Kammerbesetzung bestritten. Da man nicht einmal die sonst üblichen Aufnahmen der Generalprobe zum Korrigieren nicht optimaler Stellen zur Verfügung hatte, war es ein Projekt ohne Netz und doppelten Boden. Doch gerade so möchte es die Konzertmeisterin haben, weil man dadurch die Qualität des Ensembles besonders gut ermessen kann.

Und die Kommunikation mit dem Publikum steht sowieso im Zentrum ihres Wirkens. Ihr opfert Martyna Pastuszka sogar vermeintliche heilige Kühe der Aufführungspraxis. Wenn ihr etwa die originale Satzfolge einer Opernsuite nicht optimal für das Wechselspiel mit den Zuhörern erscheint, scheut sie sich nicht, diese zu verändern.

Risiko

Ohne Zweifel sind die {oh!}-Verantwortlichen bereit, Risiken einzugehen. Sei es beim Zusammenfügen von Ausschnitten aus zwei Konzerten mit leicht unterschiedlichem Klangcharakter, sei es beim Inkaufnehmen nicht ganz perfekter Stellen im Konzert. Doch lieber als fehlerlose, aber langweilige Auftritte hat man mitreißende mit kleinen Macken. Diese trüben den positiven Gesamteindruck der neuen CD nicht, weder in den drei bis sieben Sätze umfassenden Opernsuiten noch im Konzert "Le Phénix" von Michel Corrette, in dem sich der 34-jährige Gambist Krzysztof Firlus als exzellenter Solist erweist.

Kultur statt Kohle

Das {oh!} Orkiestra Historyczna ist ein exzellentes Beispiel für das Wachsen der polnischen Alte-Musik-Szene. Es wurde vor fünf Jahren im schlesischen Katowice gegründet, in einer von Kohle und Industrie geprägten Region. Doch wie in etlichen anderen polnischen Städten sah man es hier gerne, dass man ein lokales Aushängeschild in diesem Bereich des Musiklebens gewann. Das {oh!}-Projekt kam genau zum richtigen Zeitpunkt im Rahmen des Strukturwandels unter dem Motto "Kultur statt Kohle". Und im 2014 fertiggestellten Neuen Musikzentrum kann man dank der Unterstützung durch das dort beheimatete Polnische Rundfunksinfonieorchester auch eine Konzertreihe bespielen.

Anachronismus

Oh!, möchte man verwundert ausrufen, wenn man die Werke auf der Platte mit seinem Cover vergleicht. "Musik aus dem Warschauer Schloss" ist da zu lesen, denn so lautet der Titel der Reihe des Labels DUX, in der die Aufnahme erschienen ist. Doch ob je etwas von der instrumentalen Opernmusik, der Sonate und dem Konzert, die auf der CD versammelt sind, im Warschauer Schloss erklungen ist, darf bezweifelt werden. (Immerhin wurden zwei der Werke im wiedererbauten Schloss aufgenommen.)

Und um die Verwirrung noch zu vergrößern, ist dazu das Warschauer Schloss abgebildet, in einem Ausschnitt aus Jan Matejkos romantischem Historiengemälde "Die Verfassung von 1791". Die Kompositionen auf der CD sind allerdings fast ein Jahrhundert älter.

Aber wahrscheinlich kommt ein Label nicht umhin, derartige Kompromisse zu schließen, zumal in diesen Zeiten, wenn das staatliche Schlossmuseum der Sponsor der CD-Reihe ist.

Rainer Baumgärtner, kulturradio