Reminiszenzen. Eine Welt für sich; Montage: rbb

CD DER WOCHE | 04. - 09.10.2016 - "Reminiszenzen. Eine Welt für sich"

Die erste CD, die Camille Thomas mit ihrem Gagliano-Cello, das sie seit letztem Jahr spielt, aufgenommen hat, heißt "Reminiszenzen. Eine Welt für sich". Darauf ist Musik verschiedener französischer und eines belgischen Komponisten zu hören.

Geschichten erzählen

Camille Thomas mag all das, womit Geschichten erzählt werden können: Bücher, Theater, Filme und natürlich: Musik. So war der Text des Liedes "Les Berceaux", "Die Wiegen" von Gabriel Fauré der Ausgangspunkt für Camille Thomas und ihren Klavierpartner Julien Libeer für ihre Interpretation. Eine Geschichte, in der die Frauen im Hafen dem Schiff nachschauen, mit dem ihre Männer davonfahren. Dabei wiegen sie ihre Babys, von denen einige vielleicht nie ihren Vater kennenlernen werden. "Einfach und schön" wollten Camille Thomas und Julien Libeer diese Geschichte auf Cello und Klavier erzählen. Das ist ihnen gelungen: Abschiedsstimmung, Sehnsucht und Traurigkeit sprechen aus jeder Note.

Mit einer berühmten Geschichte ist auch die A-Dur-Sonate von César Franck verbunden: Diese Sonate hat Marcel Proust bei der Arbeit an seinem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" inspiriert. Immer wenn eine bestimmte Musik erklingt, werden beim Ich-Erzähler Erinnerungen wach, ziehen Momente seines Lebens vorbei. Solche Reminiszenzen beschwören Camille Thomas und Julien Libeer herauf, wenn sie das "Erinnerungsthema" der Franck-Sonate in seinen verschiedenen Abwandlungen und Kontexten jedes Mal neu gestalten.

Geige und Cello in einem

César Franck hat seine A-Dur-Sonate eigentlich für Violine und Klavier geschrieben. Diese ursprüngliche Besetzung hatte Camille Thomas im Sinn, als sie die bereits existierenden Bearbeitung von Jules Delsart für Cello und Klavier hier und da änderte. Sie hat versucht, so viel wie möglich in höheren Lagen zu spielen und auch die tiefen Register, die das Cello parat hält, voll auszuloten. "Das ist wirklich genial in dieser Bearbeitung, dass wir fast eine Geige und ein Cello zusammen sein können". Sagt Camille Thomas.

Neben der viersätzigen A-Dur-Sonate von César Franck ist die Sonate für Cello solo von dem belgischen Komponisten und Geiger Eugène Ysaÿe das zweite große Werk der CD. Spieldauer: etwa vierzehn Minuten. Ein spätromantisches Stück, das in Sachen Virtuosität und vor allem Gestaltung eine große Herausforderung ist. Man merkt der Sonate an, dass Eugène Ysaÿe selbst ein bisschen Cello spielte. Camille Thomas ist besonders von der Farbenwelt der Sonate fasziniert. Eine Farbenwelt, in der Camille Thomas sich zu Hause fühlt und in der sie ein sehr feines Gespür für Flächen, Linien und Schattierungen zeigt.

Die Würde des Schwans

"Der Schwan" von Camille Saint-Saëns, "Aprés un rêve" und "Sicilienne" von Gabriel Fauré – das sind echte Ohrwürmer, für die sich die Musiker dennoch entschieden haben. Weil "Der Schwan" in so manchem Werbeclip lief und deshalb "ein bisschen getötet wurde", wollten Camille Thomas und Julien Libeer ihm wieder Würde verleihen. Und das ist ihnen durch ein majestätisch-langsames Tempo und einen singenden Ton bestens gelungen.

Imke Griebsch, kulturradio