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CD DER WOCHE | 06.03. - 12.03.2017 - "Three Worlds: Music From Woolf Works"

Klänge nah an Filmmusik: Das neue Werk des Komponisten Max Richter ist eine Hommage an die Schriftstellerin Virginia Woolf.

2015 gab es in der Londoner Royal Opera die umjubelte Premiere des Balletts "Woolf Works" (Woolf arbeitet), für das Richter die Musik komponiert hatte. Das jetzt erschienene Album ist auf der Grundlage eben dieser Bühnenmusik entstanden, ein Extrakt. Drei berühmte Romane von Virginia Woolf haben dafür Pate gestanden.

Wir hören Virginia Woolf höchst persönlich. Die wahrscheinlich einzige erhaltene Sprachaufnahme der Autorin hat Max Richter seiner Musik vorangestellt. "Words, English words, are full of echoes, of memories, of associations – naturally. They have been out and about, on people's lips, in their houses, in the streets, in the fields, for so many centuries. And that is one of the chief difficulties in writing them today – that they are so stored with meanings, with memories, that they have contracted so many famous marriages."

Virginia Woolf äußert hier ihre Gedanken über die Schwierigkeit von Sprache, dazu, dass den englischen Worten doch so viele Mehrdeutigkeiten anhaften und wie schwer es sei, sie neu zu verwenden. Der Klang der rauschigen Aufnahme zieht uns gleichsam magisch hinein in die Welt der Virginia Woolf. Max Richter schrieb seine Musik als Hommage.

Max Richter © imago stock&people
Max Richter; © imago stock&people | Bild: imago stock&people

Mrs. Dalloway

Intensiv hat Max Richter die Werke Virginia Woolfs gelesen, in Jugendtagen und jetzt wieder neu. Ihr Schreibstil mit fulminianten Satzgebilden und vor allem voller Intensität bis ins kleinste Detail hat ihn fasziniert und inspiriert. Oft zu Minimalmusik. Man könnte diskutieren, ob er damit einer Ausnahme-Schriftstellerin gerecht weden kann - doch wozu?

Mit dem Wissen, dass Virginia Woolf Stimmen hörte, dass sie manisch-depressiv war, hört man Richters Kompositionen anders. Sie verströmen eine tiefe Traurigkeit. Die melancholische Klangwelt, die er analog zum bekannten Woolf-Roman mit "Mrs. Dalloway" überschrieb, baut er mal mit zarter, fast intimer Kammermusik, mal mit großer Streicherbesetzung. Das Filmorchester Babelsberg ist der genau richtige Interpret dieser Musik, denn natürlich: Es sind Klänge nah an episch breiter Filmmusik. 


Im Anschluss an die hymnischen Streicher liest die Schauspielerin Gillian Anderson einen kurzen Text von Virginia Woolf. Und öffnet damit den Weg in die zweite Klangwelt, benannt nach "Orlando". In diesem eher kuriosen Roman von Virginia Woolf durchlebt ein Mensch ganze vier Jahrhunderte, wandelt dann am Ende sein Geschlecht von Mann zu Frau und wird schlussendlich als Dichterin glücklich. "Transformation" heißt ein Stück, das Max Richter dazu passend schrieb, eine Folia, ein Tanz, wieder angelegt in Minimalmusik und am Ende schier in den Wahnsinn abdriftend. Ein Wahnsinn, komponiert in Details.

Komponiert mit den Mitteln von heute

Max Richter hat keine Scheu dick aufzutragen. Verstärkte Streicher, alle Raffinessen des Syntheziser-Soundsystems und das Klavier so abgemischt, als stünde es direkt neben unserem Ohr - immer wieder spürt man den Filmkomponisten Max Richter. Dennoch legt er mit seinem Album "Woolf Works" eine eigenständige Arbeit vor. Elektronisch durchwobene Passagen entfalten eine Sogwirkung, lässt man sich auf sie ein...

"Woolf Works“ ist durchkonzeptioniertes Hörerlebnis, das mit einem Gänsehautmoment beginnt und mit einem Gänsehautmoment endet. Denn am Schluss liest Gillian Andersson Zeilen aus dem Abschiedbrief Virginias. Sie fühlt ihre Krankheit zurückkehren und verlässt ihren Liebsten, weil sie sich ihm nicht mehr zumuten will. "The Waves" (Wellen) überschreibt Max Richter die dritte Klangwelt, ebenfalls nach einem Buch von Virginia Woolf. Doch das ist doppeldeutig. Denn Virginia ist ins Wasser gegangen. "Waves" ist das letzte und längste Stück auf dieser CD.

Ulrike Jährling, kulturradio