Dina Ugorskaja: Das Wohltemperierte Klavier, Band I und II; Montage: rbb

CD DER WOCHE | 17. - 23.10.2016 - Dina Ugorskaja: "Das Wohltemperierte Klavier, Band I und II"

"Es erdet einen sehr und lehrt ganz große Zusammenhänge im Leben zu erkennen", sagt die russische Pianistin über das Spielen von Bachs Wohltemperiertem Klavier.

Ein Jahr. Ein ganzes Jahr hat sich die Pianistin Dina Ugorskaja vorbereitet, um beide Bände des Wohltemperierten Klaviers aufzunehmen. Das sind 48 Präludien und Fugen, insgesamt 96 Stücke. Eigentlich wollte sie nur den zweiten Band einspielen. Als dann aber der Vorschlag kam, sie solle doch gleich beide Bände des Wohltemperierten Klavier aufnehmen, hat sie zwar beherzt zugesagt. Doch das Gefühl, dass sie jetzt alles aufnehmen sollte, das hat sie dann doch überwältigt: "weil man natürlich die Größe der Musik spürt, man möchte sie nicht kaputt machen durch eigenes Unbefangen."

Jede Woche drei bis vier Präludien und Fugen. Da braucht man Disziplin. Die hat Dina Ugorskaja, das hört man auch ihrem Spiel an. Für ihre ganz eigene Interpretation hat sie sich weder von anderen Aufnahmen  beeinflussen lassen, noch hat sie sich Rat geholt von ihrem berühmten Vater, der selbst Pianist ist. Sie hat ihren eigenen Standpunkt gesucht – und gefunden.

Besonders faszinierend sind für Dina Ugorskaja die Stellen, in denen Bach sich den damaligen Regeln des Komponierens widersetzt hat, zum Beispiel in der e-Moll-Fuge aus dem ersten Band: "Plötzlich münden beide Stimmen unisono in Oktaven. Parallele Oktaven sind eigentlich tabu, aber ich habe wirklich das Gefühl, der Komponist schaut hin. Das muss jetzt so sein, ich kann nicht anders, die Musik verlangt jetzt nach diesen ganzen Verstrickungen."

Dina Ugorskaja, Klavier; Foto: © Felix Broede
© Felix Broede

Solche Details spielen für sie eine große Rolle, sie arbeitet sie heraus, ohne dabei zu übertreiben. Sie spielt eben sehr diszipliniert und differenziert. Bei manchen Stücken hat Dina Ugorskaja mit sich gerungen, denn sie hatte verschiedene Fassungen im Kopf. Es fiel ihr nicht leicht zu entscheiden, welche Variante sie für die CD nimmt.

Und ihre Erkenntnis nach dieser intensiven Arbeit? "Ich glaube das Wichtigste was diese Musik mit einem macht, ist zu zeigen, dass man selber nicht wichtig ist. Und das ist sehr schön."

Ilona Hanning, kulturradio