Vanessa Wagner : Mozart - Clementi © La Dolce Volta | Montage: rbb
Bild: © La Dolce Volta | Montage: rbb

CD DER WOCHE | 10.04. - 16.04.2017 - Vanessa Wagner : "Mozart - Clementi"

Eine Interpretin, zwei Klaviere, zwei Komponisten. Vanessa Wagner gelingt es, auf ihrer neuen CD unterschiedliche Facetten der beiden Komponisten Mozart und Clementi aufzuzeigen.

Wolfgang Amadeus Mozart hatte für seinen italienischen Zeitgenossen Muzio Clementi nur verächtliche Worte übrig: oberflächlich sei seine Musik, er sei "ein bloßer Mechanikus" und ein "Scharlatan". "Sein Geschmack und sein Gefühl" seien "nicht einen Kreuzer wert". Zugleich ließ Mozart sich nicht davon abhalten, für seine Ouvertüre zur Zauberflöte aus einer von Clementis Klaviersonaten abzukupfern. Ludwig van Beethoven schätzte Clementi als großen Meister der Sonate. 

Möglicherweise hat Mozart sich aus purem Neid und Ärger so abfällig über Clementi geäußert. Denn ein von Kaiser Joseph II im Jahr 1781 zwischen den beiden Komponisten veranstalteter Klavierwettstreit ging unentschieden aus. 

Zwei Komponisten, zwei Klaviere, eine Interpretin

Muzio Clementi und Wolfgang Amadeus Mozart – die beiden Komponisten der Klassik abwechselnd auf dem Hammerklavier und auf einem modernen Konzertflügel zu spielen: Das ist wie Autofahren abwechselnd in einem schmucken Oldtimer und einem kraftvollen Neuwagen. Die französische Pianistin Vanessa Wagner macht auf dieser CD genau das: Abwechselnd spielt sie auf beiden Instrumenten jeweils ein Stück von Mozart und eines von Clementi.

Clementi: Ein Meister der Sonate

Vanessa Wagner betrachtet Muzio Clementi als bedeutenden Komponisten und stellt ihn gleichwertig neben Mozart. Clementi derart vernachlässigt zu haben sei ein Irrtum der Geschichte, findet sie.

"Auch wenn er an einigen Stellen ein wenig geschwätzig anmutet, mit vielen Wiederholungen, haben seine Sonaten etwas Geniales. Clementi war wirklich ein Meister der Sonate, ein großer Pianist und ein ungeheurer Virtuose: das spürt man in seiner Musik."


Die Sonate in F-Dur op. 23 gehört zum Frühwerk Clementis. Vanessa Wagner spielt sie auf dem historischem Instrument: einem Hammerklavier von Joseph Brodmann, zu Lebzeiten Clementis gebaut, im Jahr 1814. Der Brodmann bekommt seinen Counterpart: den modernen Flügel Yamaha CFX, mit vollem Klang in jeder Tonlage, einem mächtigem Bass und präzise geregelter Mechanik.

Das zweite Stück von Clementi auf der CD: seine Sonate in g-Moll op. 50. Für sie hat Vanessa Wagner das moderne Klavier gewählt.

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Diese Sonate von Clementi, seine letzte, ist voller Theatralik. Unglaublich dramatisch. Clementi geht bis ins Äußerste, sowohl was die Perfektion betrifft als auch die Ausdruckskraft. Das Stück hat ein wahnsinniges Tempo. Ich habe versucht, dieses Extreme, Hyperdramatische herauszuarbeiten. Das Hammerklavier hätte mich bei dem Stück eher ausgebremst. Die Wahl des Klaviers habe ich empirisch getroffen, nach rein musikalischen Kriterien."  

Ebenfalls auf dem modernen Flügel: die Klaviersonate B-Dur KV570 von Wolfgang Amadeus Mozart. Das Stück besticht durch seine stilistische Schlichtheit. Das Nüchterne und dabei doch Farbenfrohe kommt auf dem modernen Instrument gut zur Geltung. Auch das Kecke, beinahe Clownesque des letzten Satzes macht Vanessa Wagner transparent.

Auf dem Hammerklavier: Mozart in Moll

Ganz anders klingt Mozarts Fantasie in d-moll KV 397 am Anfang der CD. Vanessa Wagner hat sich für ein eher langsames Tempo entschieden – und: sie spielt auf dem Hammerklavier.

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Ich fand, dass die Fantasie absolut göttlich auf diesem Instrument klingt. Für mich hat dieses Stück eine außerordentliche Tragik. Am Anfang steht diese improvisiert scheinende Irrfahrt aus Triolen. Dann folgt dieser einsame Trauergesang, dieses Klagelied voller Verzweiflung."

Die Fantasie gilt als Kleinod der Klaviergeschichte und ist eines der sehr wenigen Werke, das Mozart in Moll komponierte.

Vanessa Wagner gelingt es, auf der CD unterschiedliche Facetten der beiden Komponisten Mozart und Clementi aufzuzeigen. Die Gegenüberstellung – oder, wie sie sagt: Nebeneinanderstellung der sehr unterschiedlichen Instrumente ist ungewöhnlich, aber durchaus interessant. Eine Interpretin, zwei Klaviere, zwei Komponisten.

Ungewöhnliches wagen

Das den Texten im Begleit-Booklet vorangestellte Augustinus-Zitat "Schreite auf Deinem Weg voran, denn nur durch den Fortschritt gibt es ihn", wirkt fast, als wolle sie ein Wagnis rechtfertigen – was aber gar nicht nötig ist.

Aber das Zitat spricht für die Pianistin und ist ein Lebensmotto der 43-Jährigen:
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In den 20 Jahren, die ich jetzt in diesem Beruf arbeite, habe ich mich immer ein bisschen abseits gefühlt. Aber ich habe den Eindruck, mit zunehmendem Alter immer mehr meinen eigenen Weg zu wagen, der nicht unbedingt der Weg, der anderen ist. Ich habe Lust, Verschiedenes in der Musik auszuprobieren und möchte nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt werden. Ich nehme mir gewisse Freiheiten heraus, die mich glücklich machen. Deshalb sagt mir der Satz von Augustinus, dass der Weg aus den Schritten, die man geht, besteht, enorm zu."

Zu würdigen ist in jedem Fall auch: mit der CD die Musik von Muzio Clementi wieder zum Leben zu erwecken.

Antje Bonhage, kulturradio