Philip Glass: Klavierwerke; Montage: rbb
Bild: DG / Universal

CD DER WOCHE | 21.08. - 27.08.2017 - Philip Glass: Klavierwerke

Die Musik von Philip Glass polarisiert - man liebt sie, oder man kann gar nichts damit anfangen. Dieses Jahr hat der Erfinder des musikalischen Minimalismus seinen 80. Geburtstag gefeiert. Unsere CD der Woche greift dieses Ereignis auf: Víkingur Ólafsson spielt Etüden des Jubilars.

Als Teenager hörte der isländische Pianist Víkingur Ólafsson das erste Mal die Musik von Philip Glass auf einer langen Autofahrt im Urlaub mit seiner Familie. Ein Moment, an den er sich gern zurück erinnert:

"Das war ein besonderer Moment... Unser Vater, er ist Komponist und Architekt, gab uns, damit wir uns nicht so langweilten, für unsere CD-Geräte unter anderem auch das erste Violinkonzert von Philip Glass, mit Gidon Kremer, der mit den Wiener Philharmonikern spielte.

Für mich 14 Jahre alten Teenager eröffnete dieser Sound eine völlig neue Dimension! Was für eine neue Welt! Und so fuhr ich ziemlich schnell durch die wunderschöne Landschaft Frankreichs, und hörte dabei diese Musik. Und wenn ich jetzt die Musik von Glass höre, dann fühle ich mich 'in Bewegung', auf eine sehr schnelle Art und Weise."

Jetzt spielt Ólafsson selbst Philip Glass. Vor drei Jahren rief ihn der Komponist an und lud ihn zu einer gemeinsamen Tournee ein. Dann bekam er die Noten der Etüden. Er war zu diesem Zeitpunkt mitten in der Erarbeitung des 2. Brahms-Konzertes. Im ersten Moment, als er die Noten sah war er überrascht:

"So viele Tonwiederholungnen! Und ich wusste nicht richtig: Was soll ich damit? Aber als ich die Stücke erarbeitet und darüber nachgedacht hatte und sie immer und immer wieder spielte, realisierte ich: Das ist mehr als nur ständige Wiederholung! Das ist wie ein weiterer Schritt in demselben Fluss, eine Art permanente Wiedergeburt – oder sagen wir: die Fortbewegung in einer Spirale."

Mit dieser Musik ging der junge Pianist auf Konzertreise – zusammen mit dem Altmeister des Minimalismus, der so jung geblieben ist, sagt Ólafsson.

Ein besonderer Ort

Jetzt hat der Pianist die Etüden auf CD eingespielt, in seiner Heimat im neuen Konzerthaus "Harpa" in Reykjavik. Vor fünf Jahren weihte er das Haus mit ein. Das futuristische Gebäude liegt direkt an der Hafenkante und ist mit einer Art Glas-Waben-Struktur überzogen, die sich ganz gleichmäßig über die Fläche entwickelt und nur in kleinen Schritten variiert. Als ob die Musik von Philip Glass Pate für diese Architektur gestanden hätte.

So simpel diese Musik auf den ersten Blick erscheint, verlangt sie doch eine hohe Präzision im Spiel. Wie ein Uhrwerk müssen die Finger funktionieren. Nur wer diese bedingungslose Gleichmäßigkeit auf dem Klavier aufbringt, kann sich in den Flow dieser Musik begeben und gestalten.

Víkingur Ólafsson kann. Sein klarer Anschlag gibt der Musik einen ausgesprochen schönen Glanz und er ermöglicht dem Hörer, musikalische Linien, die zum Teil vielfach übereinander gestapelt sind, mit zu verfolgen. Und das bis ins leiseste Piano hinein. Besonders schön kommt das zum Tragen bei den Etüden, die sich atmosphärisch an Chopin orientieren.

20 Etüden hat Philip Glass komponiert, eigentlich für sich selbst, um sein Klavierspiel zu verbessern. Einige fangen dabei die Atmosphäre von Chopin-Etüden ein. Zehn davon hat sich Ólafsson ausgesucht – nur die, die ihn persönlich ganz direkt ansprechen.

Die Eröffnung nach der Eröffnung

Opening, so heißt das erste Stück auf der CD. Es ist eines der bekanntesten Klavierstücke von Glass, aus der Werksammlung "Glassworks". Am Schluss des Albums taucht es erneut auf. Dieses Mal in einer Bearbeitung von Christian Badzura für Klavier mit Streichquartett:

"Diese beiden Stücke sind nicht dasselbe. Die wunderbare Bearbeitung übernimmt die Idee des ersten Stückes. Ich möchte auf diesem Weg zeigen, dass Glass der einflussreichste lebende Komponist unserer Zeit ist – so viele andere sind von ihm inspiriert worden. Und am Ende der CD eine erneute Eröffnung zu platzieren – das ist, glaube ich, in seinem Sinne."

Víkingur Ólafsson nimmt uns mit in die Welt des Minimalismus von Philip Glass. Wer die erleben will, kann sich in diesen herrlichen Klang-Strudel hineinziehen lassen!

Cornelia de Reese, kulturradio