Volodos spielt Brahms © Sony Classical | Montage: rbb
Bild: Sony Classical | Montage: rbb

CD DER WOCHE | 24.04. - 30.04.2017 - "Volodos spielt Brahms"

Charakterstück, Miniatur, Musikalische Skizze - Mit diesem Album setzt Arcadi Volodos neue Maßstäbe der Brahms-Interpretation und erweist sich mit unaufdringlicher Virtuosität als magischer Klangzauberer.

"Gipfel der Klavierkunst", so nennt der russische Pianist Arcadi Volodos die Werke von Johannes Brahms, die er für seine neue CD aufgenommen hat. Im Mittelpunkt  stehen die Intermezzi op. 117 und op. 118, Musik aus dem Spätwerk des Komponisten, der über viele Jahre keine Kompositionen für Klavier solo aufgeschrieben hatte.

Schmerz

"Wiegenlieder meiner  Schmerzen" so nannte Johannes Brahms seine "Drei Intermezzi op. 117" -  ohne näher darauf einzugehen, was genau ihn hier im Jahr 1892 geschmerzt haben könnte. Das erste Intermezzo beginnt als inniges Schlaflied, verwandelt sich dann aber unter den Händen von Arcadi Volodos in einen unruhigen Traum, in dem bedrückende Gedanken durcheinanderwirbeln, bevor dann am Ende dieser Miniatur wieder nächtliche Ruhe einkehrt.

Melancholie

Allzu konkrete Deutungen mit Inhalten aus dem wirklichen Leben des Komponisten möchte  Arcadi Volodos bei diesen Stücken aber nicht gelten lassen: "Freude, Liebe, Leidenschaft oder eben auch Melancholie - all das findet sich auch im Leben der großen Komponisten. Aber in der Musik erreichen diese Zustände einen höheren, verfeinerten, sublimierten Zustand."

Innerlichkeit

In den 1990er Jahren wurde Arcadi Volodos als "Tastenlöwe" und Nachfolger von Vladimir Horowitz gefeiert. Mittlerweile hat sich der bald 45jährige vom ganz großen "Pianistenrummel" ein wenig zurückgezogen. Er lebt in Spanien auf dem Land und gibt nur noch rund 50 statt früher 200 Konzerte pro Jahr. Eines davon fand vor einigen Monaten im Berliner Konzerthaus statt. Dort konnte man einen Pianisten beobachten, der die Musik mehr für sich spielt, nach innen gekehrt, den überwiegend leisen Klängen nachdenklich hinterher lauschend.

Selbstgespräche

"Selbstgespräche am Klavier" hat der zeitgenössische Kritiker Eduard Hanslick die späten Klavierstücke seines Freundes Johannes Brahms genannt. Genau dieser Charakter der Musik lässt sie zur idealen Vorlage für Arcadi Volodos werden. Er genießt die Freiheit, diese Stücke in seiner durch und durch individuellen Interpretation zu spielen. Mit viel Pedal, ohne dass die Töne jemals ineinander verwischen, dazu ein unglaublich zartes Pianissimo - wohl kein Pianist kann derzeit so gekonnt leise spielen wie Arcadi Volodos.

Klangzauber

Charakterstück, Miniatur, Musikalische Skizze - es gibt eine Reihe von Begriffen, mit denen die Capriccios und Intermezzi von Johannes Brahms bezeichnet werden. Wie auch immer man diese nächtlich-entrückten Stücke nennt, es sind sinnliche Selbstgespräche, gestaltet mit einem überirdisch schönen Ton. Mit diesem Album setzt Arcadi Volodos neue Maßstäbe der Brahms-Interpretation und erweist sich mit unaufdringlicher Virtuosität als magischer Klangzauberer.

Hans Ackermann, kulturradio