Weihnachten aus dem Berliner Dom; Montage: rbb
Bild: SONY Classical

CD DER WOCHE | 19.12. - 25.12.2016 - "Weihnachten aus dem Berliner Dom"

Der Berliner Dom. Außen Festlich beleuchtet, im Schnee fotografiert. Doch die Musik, die hier erklingt, ist älter als der Dom. Viel älter. Musik aus einer Zeit, als an diesem Platz noch ein Langhaus mit zwei großen Kirchtürmen stand.

Der Staats- und Domchor hat sich in diesem Jahr für ein Weihnachtsprogramm mit Musik aus der Zeit der Renaissance entschieden: Lieder, Kantaten und begleitete Choräle, die nach der Reformation entstanden sind.

Mit Glockenschlag ins 17. Jahrhundert

Auf dieser Weihnachts-CD stimmt jeder Ton: Selbst die Glocke zu Beginn. Sie tönt auf einem D – wie der Anfang des ersten Weihnachtsliedes.

Die Abfolge der Lieder folgt dem Hergang der Weihnachtsgeschichte: Die Ankündigung der baldigen Geburt mit "Nun komm der Heyden Heyland", gefolgt von "Übers Gebirg Maria geht", weiter mit "Wie schön leuchtete der Morgenstern", "Es ist ein Ros entsprungen", bis hin zum großen Jubel: "In dulci jubilo".

Berliner Kompositionen

Dazwischen unbekannte, zum ersten Mal aufgenommene Werke, von Berliner Komponisten der Renaissance-Zeit. Der Leiter des Staats- und Domchores Kai-Uwe Jirka sagt dazu:

"Viele sind überrascht, dass Berlin bereits in dieser Zeit schon so eine Kultur hervorgebracht hat. Allgemein sagt man ja, dass Berlin eine Stadt ist, die kulturell sehr spät gestartet ist. Das stimmt auch.

Es gab aber eben vor der Zeit des 30-jährigen Krieges und vor der Zeit, in der in Preußen mehr Geld für Militär als für Musik ausgegeben wurde, durchaus eine kulturelle Blütezeit und diese wollten wir mit dieser CD auch ins Bewusstsein heben. Deswegen haben wir auch einige Ersteinspielungen – Crügers Magnifikat zum Beispiel. Das war uns wichtig, das zu zeigen."

Johann Crüger war nach der Reformation ab 1622 Kantor der Berliner St.-Nikolai-Kirche, der ältesten noch erhaltenen Kirche Berlins, mitten im Nikolaiviertel. Sein Magnifikat ist ein vierstimmiger Chorsatz, der von Instrumenten begleitet wird.

Das war nach der Reformation neu, denn die tradierte katholische Musik wurde nur a cappella gesungen, also ohne Begleitung. Nun kamen Musiker zum Gesang hinzu und improvisierten nach vorgegebenen Stimmen und Harmonien. Das war früher so und auch heute.

"Der Ausführende muss unglaublich viel Einrichtungsarbeit leisten.", sagt Jirka. "In der Renaissance-Musik haben wir in diesen Partituren relativ wenig Information, wie es genau besetzt werden soll, aber dafür einen unglaublich großen Improvisationsspielraum. Und das macht es sehr spannend, gerade mit einem Instrumentalensemble, wie der Lautten Compagney Berlin. Musiker hatten unglaublich viele musikalische Ideen. Und dann fängt diese Musik auch an, ganz neu zu leben."

Zum Fest mit alten Instrumenten

Die Musiker feiern das Fest vornehm mit Pauken und Trompeten. Aber auch profan mit Dulzian und sogenannter Eunuchentröte, einem einfachen Instrument, das auch Hirten am Feuer spielen konnten. Jirka erklärt: "Das Prinzip der Tonerzeugung ist genauso einfach, wie auf einem Kamm zu blasen. Der Vorteil ist, dass man es sofort spielen kann, denn es hat nur ein Loch, in das die Luft hineinströmt."

Das Ausprobieren, die Freude am Entdecken von alten Instrumenten, und ihr Zusammenklang mit den Stimmen, schafft eine besondere Atmosphäre und schweißt alle Musiker zusammen – eine hörbare Vertrautheit, denn seit zehn Jahren arbeiten der Chor und die Lautten Compagney schon zusammen.

Kai-Uwe Jirka, Chorleiter und Dirigent, im Haus des Rundfunks; Foto: Carsten Kampf
Kai-Uwe Jirka; © Carsten Kampf

Ansteckende Atmosphäre

Dieses gemeinsame Singen und Spielen wirkt ansteckend. Dabei klingt die burschikose Fröhlichkeit genauso authentisch wie die besinnlichen Momente. Vielleicht, weil sie bei den Aufnahmen auch experimentiert haben, so berichtet Kai-Uwe Jirka:

"Am Ende eines Aufnahmetages hatte einer die tolle Idee, einfach das Licht auszumachen. So haben wir die ersten beiden Nummern im Dunkeln aufgenommen. Es lief nur die Aufnahmelampe, die Instrumente haben ihren Bordunton gespielt, und der Chor stand im Dunkeln und sofort gab es eine ganz besondere Atmosphäre. Alle konnten miteinander musizieren, ohne sich zu sehen. Jeder konzentrierte sich nur auf das Hören."

So schafft Jirka einen Bogen von der stillen Erwartung bis hin zum Jubel nach der Geburt. Auf dieser CD wird Weihnachten eben nicht nur zelebriert, sondern auch gefeiert. Und zwar ordentlich! Frohe Weihnachten.

Cornelia de Reese, kulturradio