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CD DER WOCHE | 08.01. - 15.01.2017 - "Wiener Neujahrskonzert 2017"

Am 1. Januar fand das 77. Wiener Neujahrskonzert statt, erstmals dirigiert vom jungen Venezolaner Gustavo Dudamel. Jetzt schon erscheint der Mitschnitt davon als Doppel-CD.

Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist ein Ereignis mit weltweiter Ausstrahlung. Etwa 70 Millionen Menschen verfolgen am 1. Januar die Übertragung an Radio- und Fernsehgeräten. Die eigenen Neujahrswünsche noch im Sinn, haben viele Zuhörer besonders hohe Erwartungen an das Event im festlich geschmückten Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.

Nicht nur deshalb ist das Zusammenstellen des Programms für die Verantwortlichen um Andreas Großbauer, den Vorstand der Wiener Philharmoniker, eine große Herausforderung. Zahllose Variablen wollen berücksichtigt werden: Komponisten und Genres, die Länge der Konzerthälften sowie die Balance zwischen bekannten Stücken und Erstaufführungen beim Neujahrskonzert.

Klingende Jubiläen

Hinzu kommen in jedem Jahr besondere Anlässe, zu denen musikalisch Bezug genommen wird. Im Konzert 2017 waren dies insbesondere der 300.Geburtstag der österreichischen Erzherzogin Maria Theresia und das Jubiläum '175 Jahre Wiener Philharmoniker'. Während man die Fürstin mit der Polka "’S gibt nur a Kaiserstadt, ’s gibt nur a Wien" von Johann Strauß Sohn würdigte, feierten die Philharmoniker ihre eigene Gründung mit dem idyllischen "Mondaufgang" aus der Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" von Gründervater Otto Nicolai.

Gustavo Dudamel © Luis Cobelo
Gustavo Dudamel © Luis Cobelo

Debütant am Pult

Die "Pepita-Polka" sollte an die lateinamerikanische Herkunft von Gustavo Dudamel erinnern, der sein Debüt beim Neujahrskonzert gab und mit 35 Jahren der jüngste Dirigent der bisherigen 77 Auflagen dieses Events ist. Der venezolanische Wuschelkopf hielt sich mit individuellen Deutungen des typischen Wiener Ballrepertoires dabei deutlich zurück, vielleicht aus Ehrfurcht vor der großen Tradition der Veranstaltung. Häufig lächelnd und manchmal gar hüpfend gelang es ihm aber sichtlich, eine gute Chemie mit den Orchestermusikern herzustellen – aber man kannte sich ja auch schon bestens von Dutzenden gemeinsamer Konzerte, Tourneen und Aufnahmen.

Diskussionen der Kritiker und Fans

In den Spalten der Wiener Zeitungen und bei den Online-Kommentaren wogten die Meinungen hin und her, wie man die Leistung Dudamels und die Zusammenstellung des 2017er Programms zu bewerten habe. Im Vergleich zu früheren Neujahrskonzerten setzten die Programmgestalter diesmal kaum auf Hits der Strauß-Dynastie und viel mehr auf Erstaufführungen und weniger bekannte, dabei aber nicht weniger charmante Werke.

Zu den sieben Premieren zählten der Strauß-Walzer "Die Extravaganten" und die Ouvertüre zu Franz von Suppés Operette "Pique Dame". Eine versteckte Äußerung angesichts unsicherer Zeiten erlaubte sich Chefplaner Großbauer dadurch, dass er auf den Strauß-Walzer "Mephistos Höllenrufe" dessen Polka "So ängstlich sind wir nicht!" folgen ließ.

Schnelle Veröffentlichung

Wie es schon seit vielen Jahren üblich ist, reagierte die Plattenindustrie auch 2017 sehr schnell und brachte den Mitschnitt des Konzertes binnen einer Woche auf einer Doppel-CD heraus. Auf der Aufnahme ist die feierliche Stimmung des Publikums bei diesem gesellschaftlichen Großereignis zu spüren – seine Bereitschaft zum wohlwollenden Applaus ebenso wie die Entladung der Freude, dabei zu sein, beim heftigen Mitklatschen im abschließenden Radetzkymarsch.

Rainer Baumgärtner, kulturradio