Anne Funck und Philip Loersch: "Marcella tigert durch die Stadt", Montage: rbb
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Berlin-Reiseführer/Wimmelbuch für Kinder ab 6 Jahren - Anne Funck und Philip Loersch: "Marcella tigert durch Berlin"

Ein wunderbarer Berlin-Reiseführer mit Wimmelbildern, die man gern des öfteren unter die Lupe nimmt, um immer wieder Neues zu entdecken.

Das Bild von Marcella hat schon so manchem Katalog des Brücke-Museums als Titelbild gedient. Es heißt genau "Artistin-Marcella", 1910 von Ernst Ludwig Kirchner gemalt. Da war er gerade noch in Dresden, aber schon auf dem Sprung nach Berlin. Ein Bild, das als ein erster Höhepunkt seines expressionistischen Stils gilt. Auf wenige Farbtöne grün, schwarz, gelb und blau beschränkt, von brillanter Leuchtkraft. Geschwungene Umrisslinien in der Fläche zeigen das Porträt eines Mädchens, vielleicht 12 Jahre alt, das lässig auf einem grünen Sofa sitzt oder eher lümmelt, eine weiße Katze kuschelt sich zu ihren Füßen. Auffallend das gelb-schwarz geringelte Kleid, die blauschwarz geringelten Strümpfe und die roten Pantoffeln. Die stechen nicht nur ins Auge – sie sind auch der Aufhänger für die Geschichte, die nun erzählt wird.

Eine fröhliche Abenteuerreise quer durch Berlin

Marcella, die gerade noch dem Maler Modell gesessen hat, will nämlich nun austesten, wie die ebenfalls gestreiften Tiere des Berliner Zoos auf ihr Ringelkleid reagieren. Also nach dem Motto: Wer ein Tigerkleid anhat, sollte auch tigern - da sind sich Marcella, ihre Katze und auch der Maler Ernst Ludwig Kirchner einig. Mit ihrem roten Flitzeroller starten sie eine Spritztour durch Berlin. Zunächst zu den Tieren im Zoo, danach geht’s ins "Zauberhaus" KaDeWe, anschließend auf dem Winterfeldtmarkt, dann mit der U-Bahn zum Brandenburger Tor, auf einem Dampfer die Spree hinab, zum Baden an den Wannsee und in den Großstadtdschungel Botanischer Garten.

Und diese fröhliche Abenteuerreise, bei der man alte und neue Bekannte trifft, das eine und andere verliert und anderes gewinnt, endet nahezu folgerichtig im Brücke-Museum in Berlin Dahlem. Dort treffen Marcella und der Maler Ernst Ludwig Kirchner auf die Direktorin Magdalena M. Moeller, die sie durchs Haus führt – und natürlich auch zu dem bekannten Bild von der Artistin Marcella.

Handlung, Information und Illustration - drei Ebenen, die sich prima ergänzen

Es gibt im Buch zwei Ebenen, eigentlich drei. Ein Text von Anne Funck erzählt zunächst die Handlung, also wohin treibt es Marcella, den Maler und die Katze, was erleben sie dabei, wie reagieren andere auf sie usw.  Neben diesem Haupttext gibt es kleine Anmerkungen am Rand, die den städtischen Ausflug fast wie ein ordentlicher Reiseführer komplettieren. Also erfährt man, warum eine Kogge das Wahrzeichen des KaDeWe ist oder warum die U-Bahn auf einigen  Strecken oben fährt und seit wann usw.

Anne Funk hat dafür eine lockere und gut verständliche Schreibweise. Es ist ja auch nicht das erste Kinder-Kunst-Buch aus ihrer Feder. Und die dritte Ebene, das sind die Illustrationen von Philip Loersch. Natürlich tigert tatsächlich Marcella in allen möglichen Varianten durch die Gegend, aber am besten sind die acht großen, doppelseitigen Wimmelbilder, jeweils mit den acht angesteuerten Berliner Sehenswürdigkeiten.

Für diese Wimmelbilder muss man sich nun also extra Zeit nehmen, um sie zu erforschen, so viel ist darauf zu sehen und so viel ist auch darin versteckt. Hier ist mitunter das pralle Berliner Leben und Touristenleben auf die Schippe genommen worden, wenn z.B. auf dem Bild im Zoo ein vorwitziger Affe sich das mit Halterung nach vorn gestreckte Handy fürs Selfiemachen einfach wegschnappt. Auch im KaDeWe gibt es einige Ungereimtheiten zu entdecken und erst Recht während Dampferfahrt auf der Spree. Da wird doch tatsächlich mitten am Tag die große zwei Zentner schwere Goldmünze  aus dem Fenster des Bodemuseums rausgereicht und geklaut.

Nachblättern und Nachlesen - mit oder ohne Erwachsene

Man kann da bestimmt schon mit 6 oder 7 Jahren beginnen, gemeinsam mit einem Erwachsenen und muss auch nicht sofort alles verstehen. Da lässt sich immer mal wieder nachblättern und nachlesen. Und auf den Wimmelbildern sowieso. Und für die Erwachsenen hat der Verlag gleich noch ein anderes Buch daneben gelegt. Unter dem Titel „Kirchner, Nolde und die Anderen. Magdalena M. Moeller und das Brücke Museum“ ist ein Buch über die Kunstmanagerin und international gefragte Ernst-Ludwig-Kirchner-Expertin erschienen, deren Biografie ja sehr eng mit der heutigen Rezeption des deutschen Expressionismus verknüpft ist.

Danuta Görnandt, kulturradio

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