April Genevieve Tucholke: "All the strangest things are true"; Montage: rbb
Thienemann Verlag
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Ab 14 Jahren - April Genevieve Tucholke: "All the strangest things are true"

Wink, Poppy, Midnight – diese drei Jugendlichen erzählen ihre gemeinsame Geschichte aus drei verschiedenen Blickwinkeln.

Das, was sich zunächst wie ein typisch pubertär aufgeheiztes Dreiecksdrama um Freundschaft, Familie, Fake, Liebe, Lüge und Leid liest, nimmt schnell eine andere Fahrt auf. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Traumwelt und Wirklichkeit verwischen, Wahrnehmung und Ereignisse werden irrational und verrätselt.

Midnight, einfühlsam und etwas unsicher, ist mit Poppy liiert. Poppy ist ein echtes Biest, intrigant, manipulativ, dominant. In diese Beziehung gerät Wink, das versponnene Mädchen mit Hang zu Tarot-Karten und Séancen. Midnight verliebt sich in Wink und verlässt Poppy.

Gekränkt, weil machtlos, sinnt Poppy auf Rache und stellt den beiden im Spukhaus im Wald eine Falle. Dass sie selbst hineintappt und spurlos verschwindet, gibt dem Roman eine unerwartete Wendung. Wer spielt hier mit wem? Stimmen die klischeehaften Rollenzuweisungen? Ist das wahre Wesen der drei Helden nicht ein ganz anderes?

Verhandelt werden existentielle Fragen

Die amerikanische Jugendbuchautorin April Genevieve Tucholke inszeniert ein scheinbares Mystery-Setting als Verwirrspiel auf Handlungs- und Erzählebene. Das ist spannend, weil das Spiel nicht vordergründig bleibt, sondern mit der Frage nach Tat und Täter tieferliegend existentielle Fragen verhandelt werden: Wer bin ich? Warum bin ich, wie ich bin? Was möchte ich wirklich? Wie will ich leben?

Eingebettet in atmosphärisch dichte Beschreibungen entwirft Tucholke die ländliche Welt sowie die sehr unterschiedlichen familiären Verhältnisse ihrer Helden detailgenau. So plastisch und facettenreich sie diese Welt aufbaut, so erstaunlich einheitlich klingen die drei Erzählerstimmen – ist es nicht eigentlich ein auktorialer Erzähler, der die drei nur vorschiebt und uns Lesern viel verschweigt? Das Verwirrspiel greift also auch hier.

Umso deutlicher wird Tucholkes Botschaft an ihre jungen Leser: Wie ihr sind auch meine Protagonisten auf der Suche dem Sinn im Leben. Es kann ein schmerzhafter, gefährlicher Kraftakt sein, sich aus familiären Verstrickungen und gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen. Dieser Kraftakt wird hier brutal in Szene gesetzt. Das Verlassen der Kindheit kann ein Drama auf Leben und Tod sein.

Aber die erneute, nun realistische Wendung am Ende des Romans zeigt echt und unverstellt: Es lohnt sich, sich seinen Dämonen zu stellen und das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Denn die seltsamsten, die verrücktesten Dinge sind wahr.

Sonja Kessen, kulturradio