Christina Erbertz: Drei (fast) perfekte Wochen; Montage: rbb
Beltz & Gelberg
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Ab 13 Jahren - Christina Erbertz: "Drei (fast) perfekte Wochen"

"Ich glaube, keiner versteht wirklich, was passiert ist zwischen Rita und Marlon. Nicht mal die beiden selbst. Wer Schuld hatte, meine ich."

Fünfzehn Jugendliche verbringen drei Wochen in einem Laufcamp mitten im Wald, die einen freiwillig, die anderen von den Eltern "überredet". Sie sind alle vierzehn Jahre alt – bei den einen könnte man sagen "schon", bei den anderen "erst". Die einen sind also noch eher kindlich, die anderen schon weiter auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Erzählt wird aus der Perspektive von einem Jungen und einem Mädchen. Nico ist ein etwas verpeilter, friedlicher, zurückhaltender Junge, dem seine Eltern das Camp verpasst haben.

Nele ist freiwillig da. Ihre Eltern haben sich vor nicht allzu langer Zeit getrennt, da kommen ihr drei Wochen mit anderen Jugendlichen gerade recht.

Geleitet wird das Camp von einer Frau, die den Jugendkader der Orientierungslauf-Nationalmannschaft geleitet hat und sehr leistungsorientiert ist, sowie von einem Sportstudenten, der alles ein bisschen lockerer angeht.

Doch für beide Erwachsene steht eindeutig der Sport im Vordergrund, die Jugendlichen hingegen sind in der Hauptsache miteinander und mit sich selbst beschäftigt. Obwohl auch dabei das Laufen im Wald eine wichtige Rolle spielt.

Die kecke Rita macht sich an Nico ran, aber der hat nur Augen für die eher stille Nele und weist Rita ab. Marlon hingegen ist scharf auf Rita, aber die hält ihn zunächst auf Abstand. Nele mag Nico, ist aber schüchtern. Zwei andere haben sich gefunden, ohne dass es jemand so richtig bemerkt hätte.

So weit, so ferienmäßig.

Aber dann passiert etwas im Wald. Nele sieht, wie Rita auf dem Boden liegt und jemand auf ihr drauf, was Rita offenbar nicht will.

Bald stellt sich heraus, dass es Marlon war. Marlon behauptet, Rita habe ihn angemacht und zum Sex herausgefordert, was er mit einem Video auch beweisen kann. Rita sagt, was dann im Wald geschehen sei, habe sie nicht gewollt.

Nele und Nico versuchen herauszubekommen, wie es zu diesem "Vorfall" im Wald gekommen ist, was genau geschehen ist, wer was wie warum getan oder nicht getan, wahrgenommen oder nicht wahrgenommen hat – es gibt zwei unterschiedliche Versionen desselben Geschehens.

Sind Mädchen, die provozieren, selber Schuld, wenn der Junge zu weit geht bzw. gehen will, wie in diesem Fall? Welche Signale muss ein Junge verstehen, um aufzuhören?

Die Jugendlichen schalten die Erwachsenen nicht ein, tasten sich selber von allen Seiten an die Fragen heran. Am Ende haben sie keine eindeutige Antwort, aber sie sind gewachsen und gereift in diesem Prozess, miteinander und aneinander.

Die Geschichte ist spannend geschrieben, sehr nah an den Jugendlichen, ihren Ängsten, Träumen, Erfahrungen. Die Kapitel und Sätze sind kurz und prägnant, auch für Ungeübte gut zu lesen. Die beiden Stimmen mit ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen erlauben Perspektivwechsel, die im wirklichen Leben nicht so einfach zu finden sind.

Den Rahmen für den Roman bildet übrigens das Lied: "Sah ein Knab ein Röslein stehen". Am Anfang steht der ganze Text, am Ende überlegt Nico: "Ich meine, gestochen werden, ist ja wohl eindeutig nicht halb so grausam wie gepflückt werden. Oder?"

Heike Brandt, kulturradio