Jenny Downham: "Obwohl es dir das Herz zerreißt"
Bild: Random House/cbt

Ab 14 Jahren - Jenny Downham: "Obwohl es dir das Herz zerreißt"

Ein Roman über drei Generation von Frauen aus der Perspektive der 17-jährigen Katie erzählt – nicht nur für Jugendliche.

Katies Eltern haben sich kürzlich getrennt, die Mutter ist mit ihr und mit dem jüngeren, recht besonderen Bruder in ein kleines Kaff gezogen. Da tritt plötzlich eine alte Frau in ihr Leben, eine verwirrt wirkende, dürre, leicht muffig riechende alte Frau, und die soll ihre Großmutter sein.

Der Lebensgefährte der Großmutter ist gestorben und nun muss plötzlich ihre Tochter Caroline (die Mutter von Katie) Verantwortung für eine Frau zu übernehmen, die für sie nie die Mutter war, die sie für ihre Begriffe herzlos verlassen und ihr eine scheußliche Kindheit beschert hat, eine Frau, mit der sie seit Ewigkeiten keinen Kontakt hatte – und auch keinen haben will.

Zwar nimmt sie ihre Mutter in ihrer Familie auf, bemüht sich aber, sie so schnell wie möglich loszuwerden.

Aus Neugierde wird Nähe

Bei Katie weicht der erste Schock und macht Neugierde Platz, und aus der Neugierde wird Nähe, die es der alten Frau ermöglicht, gelegentlich aus dem Nebel der Verwirrtheit aufzutauchen und Zugang zu ihrer Vergangenheit zu finden. Katies Mutter verweigert sich aber lange der Erkenntnis, dass es nicht nur ihre, die Tochterseite der Geschichte gibt, an die sie sich erinnert, sondern eben auch die Mutterseite, die Katie herausfinden will.

Ein eindrucksvolles Stück Frauengeschichte

In Rückblenden, Erinnerungsfetzen, an Hand von Gegenständen, Fotos und Dokumenten entfaltet die Autorin mit Hilfe ihrer Hauptfigur Katie die Geschichte der alten Frau, ihrer Tochter und ihrer Enkeltochter und zeichnet damit ein eindrucksvolles Stück Frauengeschichte – von den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bis heute, von der jungen Mary, die ausbricht, von der jungen Caroline, die sich anpasst, und von der jungen Katie, die herauszufinden will, wer sie ist, wie sie leben will.

Verschweigen, Verstecken, Weglaufen sind keine Lösung

Katie hat gemerkt, dass sie sich sexuell zu Mädchen hingezogen fühlt, möchte das aber nicht wahrhaben, weil ihre Umwelt, vor allem die Gleichaltrigen, deutlich signalisieren, dass sie mit Lesben und anderen "Perversen" nichts zu tun haben wollen. Katies bis dahin beste Freundin weist sie harsch von sich, als Katie ihr zu nahekommt, also gibt sie dem Werben eines Jungen nach, den sie wirklich gerne hat, aber zu dem sie sich lange nicht so hingezogen fühlt wie zu der jungen Abiturientin, die ihre Liebe zu Frauen nicht verheimlicht.

Durch die Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte, die sie immer wieder zur Konfrontation mit der Mutter und zu spannenden Begegnungen mit ihrer Großmutter führt, kommt Katie zu der Erkenntnis, dass Verschweigen, Verstecken, Weglaufen keine Lösung sein kann. Sie bekennt sich zu ihrer Liebe und bringt ihre Mutter dazu, sich zu öffnen, sich und ihre Mutter in einem anderen Licht zu sehen und sich soweit mit ihr zu versöhnen, dass die alte Frau, die inzwischen in einem Heim ist, das auch wahrnehmen kann.

Der wunderbar zu lesende, viele Themen und Aspekte berührende, zum Nach- und Mitdenken herausfordernde Roman ist bereits 2016 gebunden unter dem Titel "Die Ungehörigkeit des Glücks" bei C. Bertelsmann erschienen.

Heike Brandt, kulturradio

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