Lola Renn: Hier stirbt keiner; Montage: rbb
S. Fischer Verlag
Bild: S. Fischer Verlag Download (mp3, 4 MB)

Ab 13 Jahren - Lola Renn: "Hier stirbt keiner"

Es ist Sommer, ein heißer Sommer, ein Sommer des Abschieds. Das Ende der Kindheit, der Anfang von allem, was danach kommt.

Der ältere Bruder der fünfzehnjährigen Annika geht nach Amerika und lässt seine Schwester mit den sich ständig streitenden Eltern allein zurück. Den letzten Abend verbringen sie bis zum Sonnenaufgang gemeinsam mit Chris, dem besten Freund des Bruders, und an diesem Morgen nehmen Chris und Annika sich auf eine Weise wahr, wie sie es in all den Jahren, die sie sich kennen, nicht erlebt haben.

Dass es Liebe ist, will Annika erst nicht an sich heranlassen. Chris ist älter, Chris geht nach dem Sommer nach München, Chris hat eine Freundin. Und so weist sie ihn zunächst zurück, obwohl er wegen Annika mit der Freundin Schluss gemacht hat, und obwohl das, was sie fühlt, eindeutig für Chris spricht. Es dauert, bis die beiden zueinander finden. Annika ist glücklich, aber all ihre Probleme löst das nicht.

Sie kommt mit ihrer besten Freundin, mit der sie sich bislang blind verstanden hat, nicht mehr klar, irgendwas läuft da ganz schräg. Und ihr Vater zieht von einem Tag auf den anderen aus, was Annika ihm nicht verzeihen will. Kurz darauf nimmt ihre Mutter eine Freundin im Haus auf, die Annika überhaupt nicht ausstehen kann. Und ihr Bruder meldet sich viel zu selten.

Besondere Sätze

Die Autorin lässt Annika die Geschichte dieses heißen Sommers selbst erzählen, in kurzen, pointierten Sätzen, die oft sehr besonders sind: "Unterm Tisch schläft eine Herde Staublämmer" oder "Die Tränen sitzen bereit zum Loslaufen", und in sehr vielen, knappen Dialogen.

Die Sprache ist jung, manchmal schnodderig, innovativ, mit einigen heute gängigen Anglizismen: "Definitiv too much information", sagt Annika, als ihre Mutter ihr etwas erzählt, was sie nicht hören will. Der Text liest sich leicht, obwohl er niemals trivial oder banal wird. Das Buch ist spannend, obwohl es wenig Action gibt, es im Wesentlichen um die Beziehungen der Jugendlichen untereinander bzw. die zwischen den Erwachsenen und ihren heranwachsenden Kindern geht, und um die Räume, in denen sie sich bewegen, die sie jeweils brauchen.

Hervorragende Darstellung

Der Autorin gelingt es hervorragend, die Unsicherheit des jungen Mädchens darzustellen, gleichzeitig aber auch ihre Entschlossenheit, einen eigenen Weg zu finden, der sich von dem unterscheidet, den ihr – und auch den anderen Jugendlichen – die Erwachsenen vorzugeben scheinen. Sie ist hart in ihren Urteilen, spricht vieles deutlich aus, was manche Jugendliche vielleicht nur zu denken, aber nicht zu äußern wagen, sie ist aber gleichzeitig offen für neue Erkenntnisse.

Ein ausgesprochen gut gelungener "Coming-of-Age"-Roman, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche – Jugendliche ab etwa 13, 14 Jahren und Erwachsene gleichermaßen.

Heike Brandt, kulturradio