Mette Eika Neerlin: "Pferd Pferd Tiger Tiger" ; Montage: rbb
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Ab 12 Jahren - Mette Eika Neerlin: "Pferd Pferd Tiger Tiger"

Der Mensch wächst an der Aufgabe – so könnte man die Botschaft dieses wirklich lesenswerten Buches beschreiben.

"Also, es ist so: Meine Mutter hat nicht besonders viel Glück gehabt mit ihren Kindern."

Mit diesem eigenartigen Satz beginnt die etwa 13-jährige Honey ihre Geschichte. Man merkt sofort: Dieses Mädchen nimmt kein Blatt vor den Mund, obwohl sie sich sicher oft in ihrem Leben eines vor den Mund gewünscht hat - denn sie kam mit einer Gaumenspalte auf die Welt und war nicht das bezaubernde, niedliche, rosarote Baby, wie es sich die meisten wünschen, sondern schlicht ein Monster – so sagt sie es selbst.

Die Familie

Ihre ältere Schwester wurde mit einem Hirnschaden geboren, sie ist inzwischen 19, arbeitet in einer Behindertenwerkstatt und hat so ihre Eigenheiten. Der Vater von ihr hatte sich früh aus dem Staub gemacht, auch der von Honey blieb nur die ersten zwei Jahre. Ihn sieht Honey zwar immerhin regelmäßig, aber richtig auf ihn verlassen kann sie sich nicht, vor allem borgt er immer Geld von ihr, obwohl sie selber wenig hat. Die Mutter muss die Familie allein ernähren.

Nicht besonders

Ab und zu erwischt sich Honey dabei, dass sie lügt. Das geschieht wie von selbst und fühlt sich erst gut an, aber leider verheddert sie sich dann meist in ihrem Lügengespinst und findet nur mühsam heraus. Auf diese Weise landet sie in einem Chinesisch-Kurs, wo sie den Ausdruck mǎma hūhū (Pferd Pferd Tiger Tiger, Buchtitel) für "nicht besonders" lernt. Das passt, denn so geht es Honey meistens – ausgeliefert einer Vielzahl von widrigen Umständen.

Neue Kraft

Weil sie in den falschen Bus steigt, weil sie nicht nein sagt, als jemand fragt, ob sie Maja sei, gerät sie in ein Hospiz, in das Zimmer eines sterbenden Mannes. Das klingt zwar unwahrscheinlich, ist aber durchaus folgerichtig. Und genauso folgerichtig ist, dass sie durch die Beziehung, die sich zwischen ihr und diesem Menschen aufbaut, endlich die Kraft entwickelt, Entscheidungen zu treffen und nicht einfach einen zufällig sich anbietenden Weg einzuschlagen.

Unkonventioneller Blick

Die klare, offene, knappe, oft provokante Sprache von Honey, ihr unkonventioneller Blick sind ausgesprochen erfrischend, bringen die Dinge großartig auf den Punkt und machen Mut, selber genauer hinzugucken, selber zu handeln, auch wenn alles ganz schrecklich schief zu laufen droht. Der Mensch wächst an der Aufgabe – so könnte man die Botschaft dieses wirklich lesenswerten Buches beschreiben.  

Heike Brandt, kulturradio