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Kinderbuch - Pei-Yu Chang: "Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin"

Das Debüt einer taiwanesischen Künstlerin zum Thema Flucht. Ein Bilderbuch über Walter Benjamin?

"Es ist noch gar nicht so lange her, da lebte in einer großen Stadt ein außergewöhnlicher Mann namens Herr Benjamin." Viele erwachsene LeserInnen dieses Bilderbuches werden nach den ersten Zeilen und dem Bild auf der ersten Seite wissen, dass hier von dem Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin die Rede ist."

Die Fluchthelferin gab es wirklich

Die taiwanesische Künstlerin schildert allerdings nicht Leben und Werk des berühmten Mannes, sondern nimmt eine Episode seines Lebens exemplarisch für das Thema Ausgrenzung und Flucht, losgelöst von den konkreten historischen Zusammenhängen. Wegen seiner brillanten Ideen ist Herr Benjamin in seinem Land unerwünscht und kann sich der Verhaftung nur durch Flucht entziehen.

Da alle Straßen schon überwacht oder gesperrt sind, wendet er sich an Frau Fittko, die sich gut mit versteckten Wanderwegen auskennt. Heute würde man Schlepperin zu ihr sagen, für Walter Benjamin war sie Fluchthelferin. Auch sie gab es wirklich.

Herr Benjamin schleppt seinen Koffer über die Berge

Auf einem der Bilder, farbige Zeichnungen zu Collagen montiert, die das flüchtige, exemplarische dieser Geschichte veranschaulichen, sieht man eine kleine Gruppe von Menschen, die sich betont unauffällig benehmen und auf Herrn Benjamin warten, bis der endlich ankommt, einen offenbar sehr schweren Koffer schleppend. Zwar fragen sich alle, warum das sein muss, aber wenn ein so kluger Mann wie er das will, dann muss das schon seine Richtigkeit haben. Kinder werden das sofort verstehen.

Die Flucht geht über Berge und durch Täler, und immer schleppt Herr Benjamin seinen Koffer. Endlich an der Grenze angekommen, ist es aber gerade Herr Benjamin, der nicht ins Land gelassen wird. Einmal noch wird er in einem kleinen Hotel gesehen, dann ist er verschwunden – und mit ihm der geheimnisvolle Koffer. Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende, denn jetzt widmet sich die Autorin den Spekulationen, was wohl in dem Koffer drin gewesen sein mag, in diversen Varianten – eine Ebene, auf die sich Kinder sicher gerne einlassen.

Texte über Walter Benjamin und Lisa Fittko

Auf den letzten drei Seiten des Buches gibt es kurze Texte über Walter Benjamin, über Lisa Fittko, die sehr viele Flüchtlinge über die Pyrenäen zur spanischen Grenze brachte, und über die Autorin dieses Buches, die in Taiwan deutsche Kultur und Sprache, in Münster Illustration studierte und von der Geschichte des verschwundenen Koffers so fasziniert war, dass sie ihre Abschlussarbeit bei Professor Scheinberger darüber machte.

Es ist ihr erstes und hoffentlich nicht letztes Kinderbuch.

Heike Brandt, kulturradio

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