Kaum mehr vorstellbar, dass vor nunmehr 60 Jahren Hunderte von Berlinern zum Flughafen Tempelhof fuhren, um die Stars der Internationalen Filmfestspiele aus dem Flugzeug steigen zu sehen oder Stunden damit verbrachten, unter den Hotelfenstern am Kurfürstendamm ihren Lieblingen zuzujubeln. Kaum mehr vorstellbar, wie Roben und Hüte, gutes und schlechtes Benehmen Freund und Feind auf den Plan riefen, Klatsch und Tratsch für zehn Tage die Schlagzeilen bestimmten. Und, ja, dazwischen Filme gezeigt wurden. Applaudiert oder ausgepfiffen. Wirklich kaum mehr vorstellbar? Geliebt, umstritten, skandalös, langweilig – das alles war und ist die Berlinale.
Es begann 1951.
Da standen vor allem die internationalen Gäste im Mittelpunkt der in vielerlei Hinsicht ausgehungerten Stadt. Als in den 60er Jahren der Starrummel abflaute und eine heftige Debatte um Opas Kino und die "Neue Welle" losbrach, da stritt man hitzig über die Filme, vor allem auch über die politischen Botschaften, die sie vermitteln sollten.
1970 war das Jahr der Krise,
die Berlinale erlebte einen Umbruch. Spektakulär waren die Auseinandersetzungen um zwei Filme zum Vietnam-Krieg. 1970 löste Michael Verhoevens Film o.k. eine heftige und widersprüchliche Debatte in der Internationalen Jury aus, die auf das ganze Festival übergriff und zu einer grundsätzlichen Diskussion über die Struktur des Festivals führte. Der Wettbewerb wurde abgebrochen und als Folge etablierte sich 1971 das Internationale Forum des jungen Films neben dem Wettbewerbsprogramm. Fast ein Jahrzehnt später, 1979, protestierten die sozialistischen Staaten gegen Michael Ciminos The Deer Hunter (Die durch die Hölle gehen) und zogen ihre eigenen Beiträge von den Filmfestspielen zurück.
Nach dem Selbstverständnis
der Gründungsväter sollten die Internationalen Filmfestspiele Berlin ein "Schaufenster der freien Welt" sein. Stets war die Berlinale so auch ein Instrument des Kalten Kriegs, obwohl deren Verantwortliche immer wieder versucht hatten, das Festival nach Osteuropa hin zu öffnen. Doch diese Hoffnungen hatten sich über viele Jahre nicht erfüllt. Erst in der Folge der sogenannten Ostverträge, die die Bundesrepublik mit ihren östlichen Nachbarn abschloss, wurde die Teilnahme von Filmen aus Ländern jenseits des "Eisernen Vorhangs" möglich, der abschottende Schirm gegen den Osten brüchiger und durchlässiger: 1974 nahm erstmals ein Film aus der Sowjetunion am Festival teil, ein Jahr später beteiligte sich auch die DDR.
Und 1990 stand das Festival unwillkürlich im Zentrum eines weltpolitischen Zeitenwechsels – und nutzte die Chance, sich zur Jahrtausendwende neu zu erfinden. In dieser Situation zeigte sich das Festival zunächst saturiert und irritiert zugleich – und nutzte die eigene Verwirrung dann, nicht ohne Geschick, um das Programm auszuweiten und zu differenzieren. Man wuchs (und wucherte) und folgte dem Trend zur Globalisierung.
Was ist der Stellenwert der Berlinale heute?
Wie politisch ist das Festival noch? Filme verändern nicht die Welt. Und Filmfestspiele sollten nicht der Lautsprecher wohlfeiler "Political Correctness" sein. Was heißt heute "international"? Sehgewohnheiten haben sich radikal verändert. Das Festival wird in den nächsten zehn Jahren Antworten auf solche und ähnliche Fragen finden müssen. Die nächste Krise kommt bestimmt. Es ist schön, wenn die Berlinale den roten Teppich zum Geburtstag auch noch im letzten freien Winkel der Stadt ausrollt. Und das Publikum, das "Pfund" dieses Festivals, so hofiert und ehrt. Aber zur Pose sollten solche Aktionen nicht verkommen.
60 Jahre Berlinale. Ein gewichtiger Geburtstag, zweifellos. Drum: Chapeau, tiefer Diener, artiger Knicks. Der rote Teppich leuchtet und lädt ein – zum Flanieren, inklusive leichtem Stolperer.
Wolfgang Jacobsen