Fatma Aydemir © Bradley-Secker
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- Das literarische Gespräch

Wut, Wucht, wichtig: Fatma Aydemirs Debütroman "Ellbogen"

Am Mikrofon: Anne-Dore Krohn

Hazal Akgündüz ist 17 Jahre alt und lebt im Berliner Wedding. Der Vater ist autoritär, die Mutter passiv, der Bruder ein Kleinkrimineller. Hazal hat Dutzende Bewerbungen geschrieben, findet aber nur ein bisschen Schwarzarbeit in der Bäckerei ihres Onkels. Sie ist in Deutschland geboren, doch sie unterscheidet sehr genau zwischen "Türken" und deutschen "Kartoffeln", und wenn ihr deutsche "Ärztetöchter" auf der Straße begegnen, wird ihnen schon mal der Arm verdreht. Als sie in der Nacht ihres 18. Geburtstags mit ihren Freundinnen vor einem Club abgewiesen wird, kommt es an einem U-Bahnhof zur Eskaliation. Ein Student verliert dabei sein Leben.

Als Deutschtürkin in Istanbul

Fatma Aydemir, geboren 1986 in Karlsruhe, hat mit "Ellbogen" einen rasanten, wuchtigen Roman über eine junge Frau geschrieben, die kein Opfer sein möchte und dann selbst zur Täterin wird. Seit 2012 arbeitet Fatma Aydemir als Redakteurin bei der Tageszeitung taz und ist dort zuständig für Medien und Gesellschaft. Sie schreibt zum Beispiel über die Womens Marches gegen Donald Trump oder über die Medienlandschaft in der Türkei, sie hat das deutsch-türkische Nachrichtenportal taz.gazete mit aufgebaut und veröffentlicht auch Artikel in der Spex oder im Missy Magazin. Seit Jahren hatte sie die U-Bahn-Szene im Kopf, die sie aufschreiben wollte - daraus ist nun der Roman "Ellbogen" geworden, einer der interessantesten des Frühjahr.

Während ihre Freundinnen in U-Haft kommen, flieht Hazal nach Istanbul. Wie betäubt streift sie durch die Straßen, wird überall als Deutschtürkin erkannt und das erste Mal mit türkischer Politik konfrontiert. Eingeflossen sind hier Erlebnisse von Fatma Aydemir selbst, die die letzten drei Jahren viel Zeit in Istanbul verbracht hat, um dort zu schreiben. Auch letzten Juli war sie dort, während des Putschversuches des türkischen Militärs auf die Regierung Erdoğan. Eine "gruselige" Nacht, erzählt Aydemir im kulturradio, die sie auch ihre Protagonistin Hazal erleben lässt.

Wohin mit meiner Wut?

"Ellbogen" wirft Fragen auf, die immer wieder gestellt werden müssen. Warum funktioniert Integration oft nicht, was heißt das eigentlich, richtig anzukommen, was muss geschehen, damit jemand gewalttätig wird, warum sind es nicht automatisch junge muslimische Männer, die zu Tätern werden? Man merkt, dass sich die Autorin viel mit diesen Themen beschäftigt hat, als Journalistin und aufgrund ihrer eigenen Herkunft - auch wenn sie und ihre Heldin Hazal einiges trennt. Was sie mit ihr aber teilt, ist die Wut. Zum Beispiel auf eine Gesellschaft, in der noch nicht angekommen ist, dass sie eine Einwanderungsgesellschaft ist. Eine Gesellschaft, in der eine Partei wie die AfD ihre Parolen verbreiten darf und Anklang findet.

Fatma Aydemir und Anne-Dore Krohn © Gesine-Karnauka
© Gesine-Karnauka | Bild: Gesine-Karnauka

Im literarischen Gespräch erzählt Fatma Aydemir, warum sie nichts dagegen hat, Migrationsliteratur zu schreiben, was sie für einVerhältnis zum Wedding hat, warum sie verstehen kann, wenn manchen Lesern ihr Roman zu hart ist und warum es auch eine Chance sein kann, zu einer Generation zu gehören, die "zwischen den Stühlen" sitzt.