
"Die Straße der Ölsardinen" (1/12)
Von John Steinbeck
Gelesen von Ulrich Matthes
Kosmos menschlicher Eitelkeiten und Sehnsüchte
Auch wenn er einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist und sein umfangreiches Werk 1962 mit dem Literaturnobelpreis gekrönt wurde, hat John Steinbeck (1902-1968) doch nie seine sozialen Wurzeln vergessen. Als Student jobbt er als Gelegenheitsarbeiter auf Baustellen und Bauernhöfen und schmeißt schließlich sein Studium an der Nobel-Universität von Stanford hin. Für eine Karriere als Autor der kleinen Leute, der die Sorgen und Nöte der täglich ums Existenzminimum kämpfenden Bevölkerung zur Sprache bringt, braucht Steinbeck keinen Uni-Abschluss.
Die Früchte des Zorns (1939), der grandiose Roman über die verarmten Landarbeiter, die nach einer verheerenden Dürre von Oklahoma nach Kalifornien ziehen, um dort ihr Glück zu suchen, ist eine wütenden soziale Anklage gegen einen Kapitalismus, der sich nur für den Profit und nicht für den Menschen interessiert.
In Die Straße der Ölsardinen (1945) dagegen zeigt sich Steinbeck von seiner heiteren Seite. Mit einem Lächeln auf den Lippen wird das Leben der Menschen in der Cannery Row beschrieben, der Straße im kalifornischen Monterey, in der sich nicht nur die Ölsardinenfabriken befinden, sondern auch das Labor von "Doc", der Hauptfigur des Romans, mit der Steinbeck seinem Freund Ed Ricketts ein literarisches Denkmal setzt. Dem Forscher und Ökologen, Ratgeber und Menschenfreund "Doc" wollen die Menschen der Cannery Row ein ausschweifendes, fröhliches Fest geben. Was dabei alles passieren und schiefgehen kann, beschreibt Steinbeck in einem episodenhaften Roman, der sich zu einem Panorama sozialer Verhältnisse weitet. Ob die geschäftstüchtige Bordell-Besitzerin Dora, der chinesische Ladenbesitzer Lee Chong oder der französische Maler Henri, der weder Franzose ist noch Henri heißt und auch nur selten zum Malen kommt: niemand wird die von Steinbeck mit einfühlsamer Sympathie beschriebenen Menschen je vergessen können.
Frank Dietschreit, kulturradio