American Gods, Montage: rbb
Bild: © STUDIOCANAL, Montage: rbb

DVD - "American Gods"

Bewertung:

2001 veröffentlichte der britische Comicbook- und Romanautor Neil Gaiman mit "American Gods" ein fast 700 Seiten starkes Buch, in das er seine ganze Sorge über den Zustand Amerikas, der Welt und des Glaubens im Zeitalter der explodierenden Informationstechnik hineinpackte.

"American Gods" ist ein verstörender, rauschhafter Roadtrip, der als unverfilmbar galt, bis der amerikanische Pay TV Sender Starz eine achtteilige Serie in Auftrag gab und die Autoren Michael Green und Bryan Fuller engagierte, die ihr besonderes, visuelles und erzählerisches Gespür schon im Drehbuch für die Serie um den berühmten Serienkiller Hannibal ausgelebt hatten. Als die Serie im Mai beim Streaming Dienst Amazon Prime Premiere hatte, waren Kritiker und Zuschauer von der Wucht der Bilder und Ideen so fasziniert, wie zuletzt bei "Game of Thrones". Jetzt ist die Serie auch auf DVD und Blu-ray erschienen.

Götter, Glauben und Religion

Hier braut sich ordentlich was zusammen. Schon die ersten Bilder bestechen mit kristallklaren Konturen und leuchtenden Farben. Der Himmel ist von schweren Wolken verhangen und wenn das kriegerische Volk, das im Jahr 813 an der Küste Amerikas anlegt, seinem Gott huldigt, dann verwandeln malerische Blutfontänen die Szenerie in ein Action Painting Gemälde, in Zeitlupe durch die Luft segelnde Gliedmaßen den ganzen Strand in eine Kunstinstallation.

Am Anfang jeder Folge kommen Einwanderer ins Land, und alle bringen ihre Götter mit. Um Glaube und Religion geht es nach diesem Vorspiel auch in einem amerikanischen Gefängnis, dessen fahle  Gebäude sich wie von der Sonne ausgebleichte Knochen malerisch in die Landschaft schmiegen. Shadow Moon hat wegen schwerer Körperverletzung 3 Jahre gesessen und steht kurz vor der Entlassung: "Ich glaub an vieles, wenn es einen guten Grund und Beweise gibt. Ich glaub an nichts, was ich nicht sehen kann. Aber mir ist als schwebt ein verficktes Schwert über mir, ich kann’s nicht sehen, aber ich glaub irgendwie dran..."

Dunkle Ahnungen, gespenstische Märchenwälder

Die dunklen Ahnungen manifestieren sich bald in seltsamen Träumen, in denen Shadow durch einen gespenstischen Märchenwald wandelt, in dem Äste wie Knochenhände nach ihm greifen. Tatsächlich erfährt er am nächsten Tag, dass seine Frau bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Auf dem Weg zu ihrer Beerdigung begegnet er im Flugzeug einem mysteriösen, älteren Mann, der sich Mr. Wednesday nennt und von dem britischen Schauspieler Ian McShane gespielt wird. Im Bonusmaterial umreißt er anlässlich der Vorstellung der Serie auf der Comicon-Messe die komplex wuchernde Geschichte und schwärmt von ihrer wahnwitzigen Umsetzung:
"Ein Typ kommt aus dem Gefängnis, ein Typ, der im Flieger neben ihm sitzt, bietet ihm einen Job an, er lehnt ab. Doch wo immer er hingeht, taucht der auch wieder auf, erst im Auto, dann in Jacks Crocodile Bar, irgendwann willigt er ein, für ihn zu arbeiten, ohne zu wissen dass er ein Gott ist, weil er gar nicht so spricht. Das ist das Tolle daran, die Leute leben einfach ihr Leben, Wednesday ist ein kleiner, aber eleganter von GQ eingekleideter Trickbetrüger, der Shadow als Fahrer und Leibwächter einstellt, zusammen begeben sie sich auf eine Reise, und langsam wir klar, das ist nicht einfach nur ein buddy movie, da passieren abgefahrene Sachen, und es wird immer irrer und seltsamer, immer sexier, interessanter und lustiger ..."

Warten auf den bevorstehenden Kampf

Schon im Flieger spielt Mr. Wednesday auf sein göttliches Wesen an: "Sie haben mehr Talente als ich, ich hab zwei, eins ist dass ich in der Regel das bekomme, was ich will, ja zumindest im Laufe der Zeit, es geht immer darum, dass die Menschen an dich glauben..."

In Wirklichkeit ist Mr. Wednesday der Donnergott Odin. Für den bevorstehenden Kampf der alten Götter gegen die modernen Götter der Medien und des Mammon rekrutiert er eine Armee. Der Anführer der neuen Götter ist Technical Boy, ein schnöseliger Silicon Valley Nerd, der ständig neue Gestalt annimmt und Shadow mit Unterstützung einer Armee gesichtsloser Krieger aus dem 3D Drucker kidnappt: "Wednesday ist Geschichte, vergessen und alt, er sollte es einfach akzeptieren, wir sind die Zukunft und wir geben keinen verdammten Scheißdreck mehr auf ihn und seinesgleichen, die gehören auf die Müllhalde, wir haben die Realität umprogrammiert, Sprache ist nur ein Virus, Religion nur ein Betriebssystem und Gebete sind einfach nur verfickter Spam."

Überraschend ist, wie brennend aktuell der Roman ist, den Neil Gaiman bereits vor 16 Jahren geschrieben hat, wie ihm beim Besuch der Comicon selbst bewusst wurde: "Letzte Nacht habe ich 200 Leute auf dem Grünstreifen gesehen und dachte das ist was  Religiöses, bis mir klar wurde, die schauen alle auf ihre Smartphones und suchen nach Pokemons. Irgendetwas beten wir alle an..."

Zurück in der Serie, an einem anderen Ort in Amerika, umgarnt die glutäugige Schwarze Belquis einen Mann an der Bar, um ihn anschließend in einem ganz in dunkles Rot getauchten Hotelzimmer im wahrsten Sinne des Worts mit Haut und Haar zu vernaschen. Zu diesem Zeitpunkt ist man dem üppigen Rausch der Bilder, Töne und Ideen auch als Zuschauer schon längst bedingungslos verfallen.

 

 

Anke Sterneborg, kulturradio