
Bewertung: ![]()
Nein. Zwar möchte jedes Museum – das diesen wunderbaren Fotografen zeigt, damit werben, dass es eine außergewöhnliche Ausstellung präsentiert und einen neuen Zugang zum fotografischen Werk Bressons gefunden hat. Und in dieses Horn bläst auch äußerst selbstbewusst der Direktor des Kunstmuseums, Markus Brüderlin, wenn er verkündet, wir zeigen den Fotografen, "wie wir ihn noch nie gesehen haben". Dann ist das natürlich Unsinn. Denn nicht nur in Berlin gab es ja zahlreiche Ausstellungen und Retrospektiven, die die Arbeiten der Fotografen der berühmten Agentur Magnum – und die hat ja Bresson mit gegründet - gezeigt haben. Und so oft kann man das Rad auch nicht neu erfinden.
Welchen Weg geht nun das Kunstmuseum Wolfsburg?
Da ist der Titel der Ausstellung auch das Konzept. Die Geometrie des Augenblicks. Landschaften. Die Auswahl der einhundert Fotografien hat ja Henri Cartier - Bresson noch selbst zusammengestellt. Aber die Präsentation, die Hängung - lag in den Händen der Fotografin Frauke Eigen. Und sie wollte diese Fotografien nicht chronologisch, auch nicht nach Reportagethemen oder nach Ländern präsentieren. Sondern, hier soll die Form alles dominieren: Quadrat, Kreis, Linie – eben die Geometrie. Konkret heißt das, es werden zum Beispiel vier Fotografien zusammenhängend gezeigt, Aufnahmen aus Indien, Marokko, China oder Schweden - bei denen die Linie ganz im Vordergrund steht: Man sieht riesige Stoffbahnen auf kargen Böden; Schiffsseile, die am Hafen ausliegen, Bambusrohre, die verladen und Holzstämme, die aus dem Fluss gezogen werden. Form bestimmt Inhalt und untermauert wird dieses Konzept mit kurzen Zitaten von Henri Cartier Bresson, wie seine Aussage: "Die Geometrie ist für mich die Grundlage. Gefühle hat schließlich jeder." Und mit diesem Zitat im Rücken – verkündet nun der Direktor des Kunstmuseums: Henri Cartier-Bresson ist eigentlich ein Abstrakter!"
Sie klingen nicht überzeugt?!
Stimmt, ich bin nicht überzeugt. Es gibt ja so Suchbilder, wo man die Maus im Bild finden muss. Und für einen Moment macht es Spaß, sich die Fotografien anzusehen und immer nach der Maus, bzw. nach der Geometrie zu schauen. Aber dieses Prinzip hat sich dann doch schnell ausgereizt und man merkt bei genauem Hinsehen, es geht um den Menschen. Es geht nicht um Linien, Kreise oder Quadrate, sondern um indische Frauen, die Stoffbahnen in größter Hitze auf dem kargen Boden ausbreiten. Es geht nicht um Bambusrohre, sondern, um chinesische Hafenarbeiter in Shanghai. Hier bestimmt keineswegs die Abstraktion den Inhalt, sondern, es sind Aufnahmen eines engagierten Fotoreporters, der damals auch im Auftrag von Zeitschriften wie Life gearbeitet hat. Was Bresson zum "Poeten mit der Kamera" machte – so hat ihn nämlich seine hoch betagte Kollegin Eve Arnold bezeichnet – war, dass er ein großes, ein außergewöhnliches Gespür für Bildkomposition besaß und für die Farbigkeit seiner Bilder, was jetzt absurd klingt bei jemanden, der nur schwarz-weiß fotografiert hat. Aber Bressons Bilder sind in den Abstufungen der Töne, der Grautöne unglaublich reich. Denn wenn er eins nicht mochte, dann waren es starke Kontraste im Bild.
Woher kam denn Bressons Gespür für die perfekte Fotografie, für den Bildaufbau?
Bresson hat Ende der zwanziger Jahre in Paris Malerei studiert und war vom Stil der Surrealisten und Kubisten sehr beeinflusst. Aber dann entdeckt er in den 30er Jahren die kleine Leica für sich und beginnt zu fotografieren. Interessanterweise ist es sein Freund Robert Capa, der ihn in dieser Zeit davor warnte, ein "surrealistischer Fotograf zu werden", "manieriert und gespreizt" zu sein und ihn ermuntert sich als Fotojournalisten zu sehen, zu reisen und zu fotografieren. Zum Glück hat Bresson auf ihn gehört. Und es ist schade, dass das Kunstmuseum Wolfsburg solche Zusammenhänge nicht sehen will, Bressons Kollegen völlig ausblendet und so tut, als ob sich das Genie Bresson nur aus sich selbst gespeist habe. Aber auch Henri Cartier-Bresson hat sich von der kreativen Energie der Magnum-Fotografen inspirieren lassen.
Aishe Malekshahi, kulturradio