Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625/1650 (Quelle: © Deutsches Historisches Museum)

Martin-Gropius-Bau - Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt

Im Lutherjahr präsentiert der Martin-Gropius-Bau eine Ausstellung rund um das Thema Reformationen. Luthers Lehren hinterließen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ihre Spuren – selbst in Korea und Tansania.

Der erste Eindruck ist überwältigend. Für die zentrale Lutherausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) hat der Berliner Künstler Hans-Peter Kuhn den schwarz verhängten, 600 Quadratmeter großen Lichthof des Martin-Gropius-Baus in Berlin mit 200 weiß lackierten, geschwungenen Aluminiumrohren in ein gigantisches, begehbares Kunstwerk aus Licht und Klang verwandelt.

Die Installation "Übergang" verschiebt Horizontale und Vertikale ineinander. Wer durchgeht, wechselt die Perspektive – so wie sich mit der Reformation das Verhältnis von Mensch und Gott gewandelt hat.

"Der Luthereffekt" - Lichthof des Martin-Gropius-Baus (Quelle: rbb/Maria Ossowski)
"Der Luthereffekt" - Lichthof des Martin-Gropius-Baus © rbb/Maria Ossowski

Eine Weltzeitreise durch fünf Jahrhunderte

Im Zentrum der Ausstellung, rund um die Installation im Hochparterre, stehen die Reformationen, also alle Auswirkungen, die Luthers Reformen weltweit hatten auf Familien, Arbeit, Geschlechterrollen, auf Besitz, auf Politik und Handel. Vier Länder laden ein zu einer Weltzeitreise durch fünf Jahrhunderte und über vier Kontinente hinweg. Sie stehen stellvertretend für die enorme Kraft, die jene Reform weltweit entwickelt hat.

Zunächst Schweden: Das Land war im 16. und 17. Jahrhundert viel größer als heute, Finnland gehörte dazu. Die Staatskirche einte das Land. "Wir haben hier auch ein großes Territorium mit vielen verschiedenen Kulturen und Sprachen. Es gilt, diese heterogenen Bevölkerungsgruppen zusammen zu halten. Da spielt die lutherische Kirche eine sehr große Rolle", sagt Kuratorin Ewa Gossart.

Die Staatskirche mischte sich allerdings in die privatesten Belange der Bürger ein. Sittlichkeit und Bescheidenheit waren verlangt, Abweichungen wurden streng bestraft. Ein Grund, warum Luther in Schweden heute nicht besonders gefeiert wird.

Emanuel Gottlieb Leutze, "Westwärts geht das Imperium seinen Weg", 1861 © Gilcrease Museum, Tulsa, Oklahoma
Emanuel Gottlieb Leutze: "Westwärts geht das Imperium seinen Weg", 1861 © Gilcrease Museum, Tulsa, Oklahoma

Die USA boten Raum für unterschiedlichste protestantische Gruppen

Zweiter Schwerpunkt sind die USA. Hier trennten sich Staat und Kirche schon im 17. Jahrhundert. "Die USA als Einwanderungsland gaben Raum für die unterschiedlichsten protestantischen Gruppen, bis hin zu Protestanten, die wie Mönche und Nonnen in einem Kloster zusammenleben. Das hat uns an diesem Land besonders gereizt", erklärt Kurator Philipp Steinkamp.

In dem besonders protestantischen Land bildeten sich Hunderte verschiedener Religionsgruppen in Folge von Luther. In einer Vitrine liegen drei kleine Nadelkissen aus Lancaster County. Die Amischen Frauen benutzen, ebenso wie die Mennoniten, gemäß dem religiösen Grundsatz der Schlichtheit bis heute keine Knöpfe an ihrer Kleidung. Sie halten mit Nadeln die Tücher zusammen.

König Eduard VI. und der Papst, um 1575 © National Portrait Gallery, London
König Eduard VI. und der Papst, um 1575 © National Portrait Gallery, London

Protestantische Mission in Tansania

Ein Stummfilm, der von der Bethel-Mission in den 1920er-Jahren gedreht wurde, begrüßt die Besucher in den Räumen, die Tansania gewidmet sind. Die protestantische Mission spielte eine entscheidende Rolle in dem ostafrikanischen Land. Die Ausstellung zeigt die Klischees der damaligen Zeit: Die Lutheranter hätten sich "vernünftig, kontrolliert, bereit zum Dialog" dargestellt, erklärt Kuratorin Ewa Gossart. Die Bewohner Tansanias dagegen als völlig irrational, als Menschen, die wild tanzten und sangen. "Das sind diese klischeehaften Darstellungen, die diese Zeit und auch die Mission dominiert haben." 

Missionare versprachen Freiheit in Korea

Im Gegensatz zu Tansania war der Protestantismus in Korea im 19. Jahrhundert sehr beliebt. Es war ein Boomland des Protestantismus. Denn die Japaner hatten das Land besetzt. Missionare aus dem Westen versprachen Freiheit: "Im Zuge dieser Besetzung wird alles, was aus Europa oder den Staaten kommt, als positiv wahrgenommen. Man verknüpft mit Luthertum, mit Protestantismus positive Eigenschaften, Modernität vor allem. Frauen haben erstmals die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen, sie bekommen erstmals auch Namen. Das ist eine sehr patriarchalische Gesellschaft, die wir dort antreffen."   

Die Spuren Luthers in der Welt, seiner Gedanken und Ideen, seiner Mission und auch der Missionare sind vielfältig und erstaunen ob ihrer Wirkmacht weltweit. Die Ausstellung im Gropiusbau ist historisch und künstlerisch ein unverzichtbarer und herausragender Meilenstein des Lutherjahrs.

Maria Ossowski, kulturradio

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