Alte Philharmonie Berlin; © imago/Arkivi
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Philharmonie Berlin - Die Alte Philharmonie – Ein Berliner Mythos

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Es gab in Berlin eine Philharmonie vor der Philharmonie. In der Bernburger Straße bot sie den Berliner Philharmonikern ein Stammhaus, wie jetzt eine Ausstellung im Foyer der neuen Philharmonie bildkräftig illustriert.

Von der Alten Philharmonie ist buchstäblich nichts mehr am alten Ort zu sehen. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie durch Brand und Bomben zerstört, die Ruine dann 1952 endgültig gesprengt.

Wenn von der Alten Philharmonie heute kaum noch die Rede ist, liegt es aber auch daran, dass die Neubauten am Tiergarten – der Große Saal und später der Kammermusiksaal – den entstandenen Mangel an einem entsprechenden Musikort wettgemacht haben.

Von der Rollschuhbahn bis zum Konzertort

Die Alte Philharmonie war nicht nur der Spielort der Berliner Philharmoniker, sondern weit mehr, wie die Ausstellung verdeutlicht. Da haben Faschingsbälle, Tagungen und Kongresse stattgefunden, Thomas Mann und Albert Einstein haben Vorträge gehalten.

Zunächst war es eine Rollschuhbahn, und als das schließlich floppte, zog die Kultur ein. Der Große Saal wurde noch umgebaut, und es kamen zwei weitere Säle hinzu: der Beethovensaal für die Kammermusik und ein weiterer für private Veranstaltungen.

Der letzte Stuhl

Eine zentrale Wand bietet in der Ausstellung die historischen Eckdaten sowie Fotos vom Saal und von der Ruine nach der Zerstörung. Ein Video hält Aufnahmen von Mozart und Beethoven bereit, dirigiert von Bruno Walter und Sergiu Celibidache im Saal bzw. in der Ruine. Man kann sogar den einzigen noch erhaltenen Stuhl aus dem Großen Saal bewundern – von 1.600 Stühlen ist nur dieser eine übriggeblieben.

Daneben bieten drei Rondells im Foyer der Philharmonie überwiegend Fotos, geordnet nach Musikeraufnahmen, anderen Veranstaltungen und Impressionen aus dem Backstage-Bereich, darunter die Fernsprechvermittlung oder das Technikstudio – das Haus war mit moderner Technik gut ausgestattet. Ergänzt wird die Zusammenstellung durch Konzertprogramme oder den Speiseplan der Kantine.

Konzerte mit Platzangst

Die Fotos selbst bieten hervorragende Momentaufnahmen, wenn etwa der Komponist Igor Strawinsky und der Dirigent Wilhelm Furtwängler mit ernster Miene über die Partitur von Strawinskys Klavierkonzert gebeugt sind. Schön ist die Erläuterung, dass Strawinsky die entsprechende Aufführung der Berliner Philharmoniker als schlecht bezeichnete. Sehr aussagekräftig ist auch Furtwängler im Künstlerzimmer, der genau unter einem Porträtfoto von – Furtwängler selbst sitzt.

Besonders beeindruckend sind jedoch Konzertimpressionen mit dem Stargeiger Fritz Kreisler und den Comedian Harmonists. Sie haben eines gemein: Beide Konzerte waren restlos ausverkauft. Das allein ist noch nichts Außergewöhnliches. Nur war es so brechend voll, dass Teile des Publikums nicht nur auf dem Podium, sondern nur wenige Zentimeter von den Künstlern entfernt saßen. Das würde heute kein Sicherheitsbevollmächtigter mehr genehmigen.

Kompakt

Der Kurator dieser Ausstellung, der Historiker Oliver Hilmes, hat auf engem Raum sehr geschickt Dokumente ausgewählt. Nun ist das eine sehr kleine Ausstellung – notwendigerweise, denn man musste darauf Rücksicht nehmen, dass das Foyer der Philharmonie für das Publikum der Konzerte da ist und entsprechend Platz zu bieten hat. Da durfte man nicht alles frei mit Tafeln zustellen. Und mehr als die Wand und die Rondelle gibt es auch nicht.

Extra deswegen muss man nicht zwangsläufig hinfahren. Wer ohnehin ein Konzert in der Philharmonie besucht, kommt in der Konzertpause bequem durch die Ausstellung durch – da genügt eine Viertelstunde. Für eine Einführung jedoch und einen informativen Eindruck lohnt es sich auf jeden Fall, zumal man das alles auch noch in Katalogform mit nach Hause nehmen kann.

Andreas Göbel, kulturradio

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