Der Kuenstler Gerhard Richter hat dem Bundestag am Montag (04.09.2017) einen vierteiligen Bilderzyklus Birkenau (Foto) uebergeben; © imago/Rolf Zöllner
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Deutscher Bundestag - Gerhard Richter: "Birkenau"

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Der vierteilige Bilder-Zyklus wurde 2014 von Gerhard Richter nach Dokumentarfotos von Häftlingen aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erschaffen. Künftig wird er in der Westeingangshalle des Reichstagsgebäudes zu sehen sein – mit welcher Wirkung?

"Schwarz Rot Gold" – so leuchten seit 1999 Richters monochrome Farbtafeln an der linken Wand der Eingangshalle. Grau in Grau – irritierend durchbrochen von gleißendem Weiß, verdichtet mit tiefem Rot und leuchtendem Grün – hängt diesem Dreiklang jetzt der Zyklus "Birkenau" gegenüber.

Dabei handelt es sich um vier große, übereinander gehängte Bilder, die das Grauen, das sie zum Thema haben, allenfalls erahnen lassen. Denn die im Gedenken an die Opfer des Vernichtungslagers entstandenen Werke sind abstrakt – bedeckt mit zerfließenden, zerkratzen Farbkombinationen.

Der Birkenau-Zyklus basiert auf vier heimlich von Häftlingen im Vernichtungslager Birkenau gemachten Aufnahmen aus dem Jahr 1944. 2008 entdeckte Gerhard Richter die Fotos in der Zeitung. Seither ließen sie ihn nicht mehr los – zeigen sie doch, wie ein paar Männer zwischen toten, nackten Leibern balancieren. Hinter ihnen Rauchschwaden, vor ihnen die Tür zur Gaskammer, aus der heraus die heimlichen Aufnahmen entstanden. Die Männer waren selbst Häftlinge, gehörten zu einem Sonderkommando, das die Toten unter freiem Himmel verbrennen musste, wenn die Krematorien zu voll waren.

Ein schwieriger Prozess

Wieder und wieder versuchte Gerhard Richter, sich dem furchtbaren Geschehen anzunähern. Versuchte, das Unfassbare im Bild zu fassen. Er fing an, zu malen. Zunächst real, auf seine bestechende Art. Doch dann übermalte er die Bilder, wieder und wieder, zerkratze und zerfurchte sie mit dem Rakel. Ein schwieriger Prozess, von dem der medienscheue Künstler nicht vor dem Mikrofon erzählen mag – über den er dann doch ein paar Worte verliert, schon im Gehen begriffen, im Pulk der Journalisten:

"Ich hatte es quasi geahnt, dass ich es nicht kann, es zu malen. Es ist, als wollte ich es mir beweisen. Aber die Fotos sind so unübertroffen."

Immer wieder hat sich Gerhard Richter mit dem Nationalsozialismus und der deutschen Geschichte befasst. War diese doch auch seine eigene Geschichte. Richter malte "Onkel Rudi" in Wehrmachtsuniform, malte seine den Euthanasie-Verbrechen der Nazis zum Opfer gefallene "Tante Marianne" – bestechend real. Und 2014 dann die Birkenau-Serie – zum Gedenken an die Opfer des Vernichtungslagers.

Ein guter Platz

Eine Fotoversion des unverkäuflichen Gemäldezyklus' hat Gerhard Richter nun dem Deutschen Bundestag geschenkt. Und hier, in der großen Eingangshalle hat man einen guten Platz für diese Bilder der Erinnerung gefunden. Denn wer, so sagt es der scheidende Präsident dieses Parlaments, Norbert Lammert, hineinwill in den Bundestag, der muss hindurch – zwischen Nationalflagge und Birkenau. Zwischen der leuchtend reflektierenden Hinterglasmalerei "Schwarz Rot Gold", die für ein nach der Wiedervereinigung helleres Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft steht und dem beklemmenden Gedenken an das Vernichtungslager Birkenau. Beides bildliche Erzählungen einer (!) deutschen Geschichte.

Barbara Wiegand, kulturradio

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