Lucian Freud: "Double Portrait"
Bild: The Lucian Freud Archive/Bridgeman Images UBS Art Collection

Martin-Gropius-Bau - Lucian Freud: "Closer"

Bewertung:

Bei rund 30.000 Werken zeitgenössischer Kunst, die die Sammlung der Schweizer Großbank UBS umfasst, bilden die 51 Radierungen des Malers Lucian Freud nur einen sehr kleinen, sehr speziellen Teil. Aber die Ausstellung bietet Gelegenheit, einen weniger bekannten Ausschnitt des Oeuvres des vor sechs Jahren verstorbenen Künstlers kennenzulernen.

Lucian Freud: "Girl Sitting"
Lucian Freud: "Girl Sitting" © The Lucian Freud Archive/Bridgeman Images UBS Art Collection

Freud,  der 1922 in Berlin geboren wurde und 1933 mit seinen Eltern (der Vater war ein Sohn Sigmund Freuds) nach London emigrierte, war berühmt für seine ungeschönten Menschenbilder, für eine intensive, bisweilen drastische Darstellung von Körperlichkeit. Dieses Interesse prägt auch seine Radierungen, in denen er offenbar seiner stupenden Souveränität im Umgang mit malerischen Mitteln, die ein aquarelliertes Selbstporträt von 1974 gleich zu Beginn der Ausstellung demonstriert, zu 'entkommen' suchte:  "Es kann sein, dass man durch Arbeit so viel Kenntnis und Fähigkeit erwirbt, dass man vollkommen sorglos wird, wohingegen ich Dinge tun möchte, die wirklich anstrengend sind", hat er mal gesagt.

Modellierte Körper- und Gesichtslandschaften

Und so wandelt sich Freud als Radierer denn auch nicht wirklich zum Zeichner, sondern versucht stattdessen das Unmögliche, nämlich aus der spitzen Radiernadel ein malerisches Instrument zu machen. Statt der einzelnen Linie zu vertrauen, setzt er mehrere nebeneinander. Er verwendet kleine Kreuz-Schraffuren, um breite Striche zu simulieren und 'modelliert' auf solche Weise Körper- und insbesondere Gesichtslandschaften: knollige Nasen, wulstige Lider und Falten wie bei seinem Anwalt, Lord Goodman, "im gelben Pyjama", den er mit gelber Wasserfarbe nach-koloriert hat.

Lucian Freud: "The Painter's Mother"
Lucian Freud: "The Painter's Mother" © The Lucian Freud Archive/Bridgeman Images UBS Art Collection

Eher etwas für Menschen, die Freuds Werk kennen

Freud begann erst in den 80er Jahren, regelmäßig zu radieren. Die Blätter, die in dieser Ausstellung gezeigt werden, sind zumeist in größeren Auflagen erschienen –  für einen Künstler, der monatelang an einem einzigen Gemälde gearbeitet hat, war das sicher einerseits eine Abwechslung, andererseits konnte er damit auch den Markt ein bisschen 'füttern'. 

Themen - Freuds 'Spezialitäten' Akt und Porträt zumal -, aber auch Bildausschnitt und Perspektive sind weitgehend identisch mit den Gemälden, wie sich an zwei Beispielen ablesen lässt. Ob diese sparsame Kontextualisierung allerdings genügt, die Ausstellung auch für diejenigen Besucher zum Gewinn zu machen, die mit dem Werk des Malers nicht vertraut sind, darf bezweifelt werden.

Silke Hennig, kulturradio

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