Menschen und Landschaften © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Jan Windszus
© Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Jan Windszus | Bild: Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Foto: Jan Windszus

Hamburger Bahnhof - Hanne Darboven: "Korrespondenzen"

Bewertung:

Die Briefe, Notizen oder Postkarten bieten Zutritt zum "Denkraum" der Künstlerin. Ihre Korrespondenzen dienen als Sprungbretter…

Serielle Folgen gerahmter Blätter, angefüllt mit Daten, mit Zahlen oder Schrift, die minimalistische Ästhetik mit Konzept verbinden: Das Werk von Hanne Darboven kreist um den fortgesetzten Versuch, die Zeit "einzufangen" und in eine greifbare, geschlossene Form zu bringen. 

Mit der Ausstellung "Korrespondenzen", die eine größere Schenkung zum Anlass hat,  erweitert der Hamburger Bahnhof  dieses  Bild von Hanne Darbovens Schaffen: Denn im Zentrum stehen hier eine Auswahl von Briefen und Postkarten aus den Jahren 1967 - 1975, die Darboven u.a. von Künstlerfreunden wie Sol LeWitt oder  Carl Andre erhalten hat. 

m-Haus-Brief an die Mutter am Burgberg © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Courtesy Christians Verlag e. K., Hamburg
© Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 / Courtesy Christians Verlag e. K., Hamburg

Viel-Schreiberin

Sie zeigen diese Künstlerin, der doch der Ruf einer Einzelgängerin anhaftet, eingesponnen in ein internationales Netzwerk von Kollegen, Kuratoren und Sammlern, das sie intensiv pflegte.  Das geht insbesondere hervor aus der Post, die sie  selbst verschickt hat - und in Kopie behielt.  Mehr als 1100 Briefe, Karten und Fotografien aus ihrer Korrespondenz bestimmte sie noch vor ihrem Tod 2009 zur Veröffentlichung. Sie betrachtete sie offenkundig nicht nur als private Mitteilungen, sondern als Teil ihres Werks. Schon anhand der für diese Ausstellung getroffenen Auswahl wird deutlich, dass Hanne Darboven eine Viel-Schreiberin war.

Erlebtes in Formeln

"Ich werde so lange schreiben, wie es Papier gibt" erklärte sie und dieses Schreiben ist nur ausnahmsweise rein private Nachrichten-Übermittlung. In Gestaltung und Inhalt, Form und Sprache, sind diese Briefe ganz und gar eigen. Selbst wenn sie ihrer "allerliebsten Mutter" schreibt - was sie oft tut, selbst als beide in Hamburg ab Ende der 60er Jahre unter einem Dach leben - drückt sie privates Erleben in Formeln aus. "…es ist erstaunlich" schreibt sie ihr z.B. 1969 aus New York, um dann den Begriff in seinen möglichen Bedeutungen durchzudeklinieren:

"erstaunlich = schön

 erstaunlich = schrecklich

 erstaunlich = nah

 erstaunlich = fern"

Hanne Darboven © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: bpk / © Angelika Platen
© Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2017 Foto: bpk / © Angelika Platen

Keine Einzelgängerin

So bieten die Briefe, Notizen oder Postkarten Zutritt zum "Denkraum" dieser Künstlerin. Ihre Korrespondenzen dienen als Sprungbretter auch zum Verständnis ihrer wandfüllenden, mitunter an Exerzitien erinnernden, seriellen Schreib- und Collage-Arbeiten, von denen die Ausstellung ebenfalls eine Auswahl präsentiert - ergänzt um "korrespondierende" Werke anderer Künstler oder Künstler-Freunde. 

Nicht alles davon mag zwingend sein, aber in der Zusammenschau wird deutlich, wie sehr die Form serieller Reihung, die Befragung grundsätzlicher Haltungen ("Was ist Kunst?  Was ist ein Künstler?") und die eigene Verortung innerhalb des Stroms der Zeit nicht nur zentral für Hanne Darbovens Lebenswerk sind. Die Einzelgängerin war nicht allein.

Silke Hennig, kulturradio

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