Raimund Kummer: Nostos Algos© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Bild: © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Hamburger Bahnhof - Raimund Kummer. Sublunare Einmischung

Vier raumgreifende plastische Werke des Berliner Bildhauers Raimund Kummer sind im Hamburger Bahnhof zu sehen. Die erstmals zusammen ausgestellten Raumskulpturen entstanden zwischen 1979 und 2017 und befassen sich mit dem Thema Sehen.

Ein "Bildhauer von dem Typus, der seine Widerborstigkeit pflegt" - so wurde Raimund Kummer mal von einem Kritiker charakterisiert. 1954 geboren, kam er zum Studium Anfang der 70er Jahre nach Berlin, wo er immer noch lebt und arbeitet, auch wenn er seit mehr als 20 Jahren in Braunschweig lehrt.

Raimund Kummer: On Sculpture © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Raimund Kummer: On Sculpture © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Längsschnitt durch das Schaffen Kummers

Die Nationalgalerie besitzt zwei Werke des Künstlers, die zu zeigen gewissermaßen den Anlass wie auch schon die halbe Ausstellung bilden. Denn 'Skulpturen in der Straße' von 1979 und 'Mehr Licht' von 1991 sind, wie die beiden Leihgaben 'νόστος – ἄλγος'  (griechisch: nóstos álgos) von 2012 und der seit fast 40 Jahren fortlaufend erweiterte fotografische Werkblock 'On Sculpture', umfangreiche und raumgreifende Installationen. Mit diesen vier Arbeiten bietet die Ausstellung eine Art Längsschnitt durch das Schaffen Kummers.

Überdimensionale Glasaugen

Den Auftakt bildet die Diaprojektion 'Skulpturen in der Straße': Aufnahmen von zufälligen Arrangements, die ihm im Stadtraum ins Auge fielen: Baustellen-Absperrungen z.B. oder kleine Löcher im Trottoir, die - 200%ig gesichert -  nicht nur mit rotweißem Flatterband eingekreist, sondern zusätzlich von einem halben Dutzend Leitkegeln umstellt sind.  Indem er sich dergestalt aufs Sehen verlegte, Zufälligkeiten in den Fokus rückte, die wie planvolle, absurde Inszenierungen erscheinen, überwand Kummer eine künstlerische Krise, in die er nach Abschluss seines Malereistudiums geraten war.

Höchst amüsant schlägt die Ausstellung mit dieser Abfolge von Lichtbildern den Grundton eines Oeuvres an, in dem 'Skulptur' ebenso durch das Sehen definiert wird wie durch den umgebenden Ort - und der Begriff an sich beständig hinterfragt wird. In der nachfolgenden Installation 'Mehr Licht' beispielsweise liegen Dutzende überdimensionaler Glasaugen verstreut über ein großes, rechteckiges Feld auf dem Boden und reflektieren - gleichzeitig blind und transparent (die 'Rohlinge' sind noch ungefärbt) - die Fünferreihe Neonröhren an der Decke als wellenförmiges Dekor. Dazwischen lehnen rechteckige Scheiben, mit einem Diagramm, das wiederum ein anderes Bild des Sehens zeigt, denn im ganzen handelt es sich hierbei um eine Sehfeld-Vermessung - was zwar jeder sehen, aber wohl nur ein Augenarzt sofort erkennen kann.

Raimund Kummer/Eugen Blume: unterwegs –out and about © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Raimund Kummer: unterwegs © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Ist das Widerborstigkeit?

So entwickeln Raimund Kummers Arbeiten ein komplexes Geflecht von Fragestellungen zum Verhältnis von Skulptur und Betrachter, Sehen und Erkennen. Was so spielerisch daher kommt, enthüllt bei genauem Hinschauen nicht nur Kunst-immanente, sondern auch philosophische Bezüge - wenn das Widerborstigkeit ist...

 

Silke Hennig, kulturradio

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