Rudolf Belling: Organische Formen, 1921 (Bronze, versilbert, Höhe: 54 cm) und Skulptur 23, 1923/1966 (Messing, poliert, 41,5 x 21,5 cm); © bpk / Nationalgalerie, SMB, Verein der Freunde der Nationalgalerie / VG Bild-Kunst, Bonn 2016
© bpk / Nationalgalerie, SMB, Verein der Freunde der Nationalgalerie / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 | Bild: Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Hamburger Bahnhof - Rudolf Belling: "Skulpturen und Architekturen"

Rudolf Belling (1886–1972) zählt zu den wichtigsten deutschen Bildhauern der Klassischen Moderne. Im Hamburger Bahnhof ist eine große Retrospektive zu sehen.

Welche Kunst die Nationalsozialisten wertschätzten und welche sie verdammten, wurde 1937 in zwei Ausstellungen gezeigt, die parallel in München stattfanden: der 'Großen Deutschen Kunstausstellung' und der Ausstellung  'Entartete Kunst'. Ein einziger Künstler war damals in beiden Ausstellungen vertreten: der Berliner Bildhauer Rudolf Belling.

Belling modellierte den Boxer Max Schmeling

Wie er zu seiner widersprüchlichen Position kam, zeigt bereits ein oberflächlicher Blick in diese Ausstellung. Rudolf Belling war nämlich nicht nur der 'Pionier der abstrakten Plastik', als der er immer wieder gerühmt wird. Wenige Jahre nachdem er mit seinem 'Dreiklang' 1919 als Erster eine gänzlich abstrakte Skulptur schuf,  entstand sein der Neuen Sachlichkeit zugeordneter eiförmiger 'Kopf in Messing', der auf einem umgekehrten Trichter als Hals ruht.

Und Ende der 20er Jahre modellierte er ganz naturnah den Boxer Max Schmeling. Es war diese Bronze,  die die Nazis 1937 in der Großen Deutschen Kunstausstellung zeigten - nicht zuletzt, weil Max Schmeling so ungeheuer populär war. Dafür ließen sie schließlich die beiden anderen Arbeiten des Künstlers aus der Ausstellung 'Entartete Kunst' wieder entfernen, was allerdings nichts am Verdikt an sich änderte. Belling selbst, der viele Kunst-am-Bau-Aufträge für Gewerkschaften und Genossenschaften ausgeführt hatte, war zu diesem Zeitpunkt bereits im Exil in Istanbul, wo er fast 30 Jahre bleiben sollte und den Studiengang Bildhauerei an der dortigen Kunstakademie aufbaute.

"Rudolf Belling. Skulpturen und Architekturen", ©Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jan Windszus / VG Bild-Kunst
"Rudolf Belling. Skulpturen und Architekturen" © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/ Jan Windszus/ VG Bild-Kunst

Ein Überblick über alle Schaffensperioden

Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof gibt auf anschauliche Weise einen Überblick über sämtliche Schaffensperioden des Künstlers. Sie zeigt, wie konsequent er sowohl in gegenständlichen als auch abstrakten Arbeiten die Raum-schaffenden und -gestaltenden Möglichkeiten der Skulptur erforschte. Bellings Werke wollen von allen Seiten betrachtet werden, nur dann lassen sie sich in all ihren Facetten erfassen. Aber auch er selbst kann nicht alleine auf die 'reine' Kunst festgelegt werden - was neben der Schwierigkeit der stilistischen Zuordnung  dafür sorgt, dass die Kunstgeschichte ihn bis dato eher spitzfingerig behandelt.

Rudolf Belling im Atelier, um 1925 © VG Bild-Kunst/ ullstein bild
Rudolf Belling im Atelier, um 1925 © VG Bild-Kunst/ ullstein bild | Bild: VG Bild-Kunst

Rudolf Belling hatte zunächst eine handwerkliche Lehre gemacht, Ausstattungen für Theater und Film entworfen und sich insbesondere in den 20er Jahren auch im angewandten Bereich auf vielfältige Weise betätigt. Er entwarf konstruktivistische Brunnen, die Innenausstattung eines Berliner Tanzlokals, das auf den erhaltenen Fotos wie eine expressionistische Filmkulisse erscheint, und entwickelte völlig neuartige Schaufensterpuppen.

"Rudolf Belling. Skulpturen und Architekturen" © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/ Jan Windszus/ VG Bild-Kunst
"Rudolf Belling. Skulpturen und Architekturen" © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/ Jan Windszus/ VG Bild-Kunst

Brüche und Zusammenhänge

Anders als die damals gebräuchlichen naturalistischen Wachspuppen waren sie extrem stilisiert - bis hin zu einer für diese Ausstellung rekonstruierten 'Modenplastik', die sich dynamisch wie ein Skifahrer seitlich in den Raum 'schraubt':  Unter dem Gesichtspunkt plastischen Erfindungsreichtums kein Wunder, dass die Nationalgalerie, die Belling 1924 seine erste institutionelle Einzelausstellung ausrichtete (von der diese Ausstellung den Titel 'Skulpturen und Architekturen' übernommen hat), schon damals auch solche Schaufensterpuppen zeigte.

Dem kreativen Feuerwerk folgten lange Jahre des Exils, aus denen nur wenige Werke erhalten sind, darunter einige Staatsaufträge, für die Belling auf Repräsentationsformen des 19.Jahrhunderts zurückgriff, sowie ein abstraktes Spätwerk, das dem Zeitgeschmack entspricht - aber auch eine subtile Weiterentwicklung dessen darstellt, wofür er mit seinem 'Dreiklang' 1919 den Anfang geschaffen hatte.  Es ist das Verdienst dieser Ausstellung, hinter den Brüchen dieses so widersprüchlich erscheinenden Werks solche Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Silke Hennig, kulturradio

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