Sven Hillenkamp: "Das Ende der Liebe"
Sachbuch
Dieses Buch ist eine Anmaßung. Oder wie es sein Autor, der 38-jährige Journalist Sven Hillenkamp sagt, eine "große Übertreibung", die er mit einem Soziologen als Gewährsmann aber gleich als die einzige Möglichkeit begreift, um "wahrhaft objektiv" zu sein. Denn wie der Soziologe, dem einmal vorgeworfen wurde, er schildere die Gesellschaft aus der Sicht eines Neurotikers, also maßlos übertrieben, so hält es auch Hillenkamp: "Es ist erwiesen, dass alle Menschen neurotisch sind. Also ist die neurotische Sicht die gewöhnliche, die übertriebene die objektive."
Hillenkamps These ist,
dass es Liebe in der heutigen Zeit nicht mehr gibt, da wir in einer Epoche unbegrenzter Möglichkeiten leben, in einer Epoche unendlicher Freiheit. Die Liebe müsse, so Hillenkamp, einfach scheitern "an der Gewalt eines sich als frei und originell verstehenden Bewusstseins."
Heutzutage, so arbeitet Hillenkamp weiter heraus, sind die Menschen ständig in Bewegung, geht es ihnen vor allem um die ständige Entwicklung an sich, sind sie in der Lage, alles zu tun und alles zu sein, können sie alles erreichen: jeden Beruf und jedes Amt, jeden Erfolg und jedes Vermögen, jede Stadt und jedes Land, und also auch jeden Partner.
Ob dem wirklich so ist, sei dahingestellt – Sven Hillenkamp arbeitet heraus, dass aus diesen unendlichen Möglichkeiten, die jeder hat, eine ständige Unzufriedenheit resultiert, dass aus dieser unendlichen Freiheit auch ein Zwang resultiert: nämlich immer alles besser machen zu müssen und zu können. Und die gezwungenen Menschen würden deshalb leiden, "weil sie hinter den unendlichen Möglichkeiten zurückbleiben." Und Hillenkamp sagt etwa auch: "Die freien Menschen denken sich das Glück als Entwicklung, nicht als Existenz".
Hillenkamp schreibt
in seinem Buch immer wieder Sätze, die geradezu leuchten, die man sofort unterschreiben möchte. Er schreibt Sätze, die eben einleuchten, entwickelt er sie doch schön aus Gedankengängen, die an Freud genauso geschult sind wie an Botho Strauß, an Adorno und Walter Benjamin genauso wie an Ulrich Beck.
Mitunter sind die Thesen von Hillenkamp etwas redundant, mitunter würde man sich mehr Beispiele wünschen, auch mehr Hinweise auf die Lektüre von Hillenkamp (da passt es, dass er überhaupt keine Namen nennt und erst am Schluss etwa Flaubert, Emmanuel Bove oder Rainald Goetz nennt, aus deren Büchern er Fallbeispiele zitiert.)
Immer passend
und immer richtig steht bei Hillenkamp aber vor allem der liebesunfähige Mensch im Mittelpunkt. Dieser möchte sich einerseits ständig weiterentwickeln, sucht dann aber ausgerechnet bei seinem Partner einen Ruhe- und Fluchtpunkt: ein unauflösbarer Widerspruch! Und dieser gibt andererseits in den zahllosen Kontaktbörsen im Internet und sonstwo dermaßen verfeinerte Charakterisierungen der eigenen Person ab und trifft dort auf genauso bis in den kleinsten Zeh beschriebene Menschen, dass kaum vorstellbar ist, wie Fisch und Fahrrad dann noch gemeinsam eine Partnerschaft angehen und entwickeln wollen.
Und wer hat sie nicht in seinem Bekanntenkreis: die unfreiwilligen Singles, nicht zuletzt viele Männer!, die auf die Vierzig zugehen, einen Kinderwunsch haben, aber keinen richtigen Partner finden, um diesen zu erfüllen! Und wer kennt nicht die Sehnsucht beim Anblick eines schönen Unbekannten, einer schönen Unbekannten auf der Straße, die Sehnsucht, mit der oder dem auszubrechen, immer in dem Bewusstsein, dass dieser Anblick, diese Sehnsucht das höchste aller Gefühle sind, dass es nichts Schöneres gibt, weil ein Umsetzen in die Tat vermutlich nirgendwo anders als ins tiefe Tal der Tränen führt.
Natürlich übertreibt Hillenkamp,
natürlich steht so manche seiner Thesen auf wackeligen Beinen, gerade die von der unbegrenzten Freiheit, die wohl jeden Hartz-IV-Empfänger auf die Barrikaden lassen gehen dürfte, beispielsweise. Und natürlich definiert ein jeder Mensch die Liebe für sich anders (und auch das Glück) - und trotzdem finden sich in diesem Buch immer wieder Anhaltspunkte dafür, auf welchen Irrwegen sich die Liebes- und Glücksuchenden im modernen Zeitalter befinden, wie sie ihr Privatleben zu einem öffentlichen gemacht haben, wie alles Öffentliche überhaupt von Privatissima dominiert wird.
Hillenkamps Buch ist ein Warn- und Weckruf, und liest man es in diesen Tagen beispielsweise parallel zu Juli Zehs und Ilija Trojanows Buch Angriff auf die Freiheit, bekommt man einen guten Eindruck davon, was für ein unterschiedlicher, aber doch starker Druck auf das moderne Individuum ausgeübt wird. Einfach locker bleiben fällt da ganz schön schwer.
Gerrit Bartels, kulturradio
Bewertung:
Stand vom 15.09.2009