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Buch, 19.04.2010

Hanna Lemke: Gesichertes

Hanna Lemke: "Gesichertes"

Erzählungen

Achtzehn Kurzgeschichten aus dem Biotop der Generation heutiger Twenty-Somethings erzählt Hanna Lemke in ihrem Debüt-Band. Sie ist 29, Absolventin des Leipziger Literaturinstituts und lebt in Berlin. Was ihre Stories in den Fokus nehmen, ist ein schmales Segment einer urbanen Mittelstands-Jugend, der außer einer provisorischen und prekären Existenz nichts in Aussicht gestellt wird.

Diese Stories sind Momentaufnahmen, Zustandsbilder aus einer Generation von Unerwünschten und Unbenötigten. Wie leben, denken und fühlen junge Leute angesichts einer heutigen Arbeitswelt, die ihnen nur minimale, spärliche Lebens- und Karrierechancen bietet? Wie reagieren sie darauf, dass die Welt ihnen allenthalben zu verstehen gibt, dass niemand auf sie gewartet hat? Die Stories zeigen, welche Existenzweisen und Umgangsformen, welche Verhaltenscodes ihre Figuren ausbilden, um sich in dieser ungastlichen Welt zu bewegen.

Hanna Lemkes Figuren
sind junge Leute, die nach Schule und Abitur in die Metropole gedriftet sind, aus irgendwelchen Provinzstädten, die sie hinter sich gelassen haben und an die sie lieber nicht erinnert werden möchten. Sie studieren irgendwas ohne Interesse und ohne Engagement (oder lassen es bald auch wieder sein), gehen irgendwelchen Zufalls- und Aushilfsjobs nach, lassen sich treiben oder versinken im Nichtstun, Dösen und Herumhängen. Wenn sie Leute von früher, etwa ehemalige Schulkameraden, wiedertreffen, sind sie eher peinlich berührt.

Peinlich oder komisch berührt reagieren sie auch auf die besorgten und ahnungslosen Nachfragen aus dem Elternhaus, etwa: ob sie denn das Elterngeld noch bräuchten oder ob sie inzwischen anderweitig ein gesichertes Einkommen hätten? Darauf spielt der Titel des Bandes an: «Gesichertes», mit müdem Spott, denn was wäre denn schon gesichert in der Welt dieser jungen Leute?

Lemkes Figuren treffen einander in bestimmten Kneipen und Wasserlöchern, aber sie entwickeln keine Beziehungen, keine Bindungen, keine Freundschaften. Sie hängen eine Weile miteinander herum, aber eigentlich bindet sie nichts an ihre Alterskohorte. Sie bilden daher auch keine Cliquen: der Begriff "Clique" wäre zu hoch gegriffen und zu gefühlsbesetzt. Ihre Kreise bilden sich zufällig, entwickeln keinen Zusammenhalt (es gibt ja nichts, was sie miteinander verbindet) und zerfallen ganz beiläufig wieder.

Sie lassen sich durch das Großstadtleben treiben – von einer WG und einer provisorischen Bleibe zur nächsten, und von einem Gästesofa bei flüchtigen Bekannten zum nächsten. Wenn es langweilig wird, packen sie ihre Reisetasche und ziehen weiter. Sie haben keine Lust und weder die Möglichkeit noch die Absicht, sich festzulegen oder irgendwo Wurzeln zu schlagen. Sie arbeiten nicht, sie machen nur irgendwas. Nichts ist in diesem Biotop taktloser als die Frage: "Und was bist du von Beruf?" Die Frage "Was machst du?" klingt auch nicht viel besser: "Die Frage eines Kindes auf der Suche nach einem anderen, das sich weniger langweilt als es selbst", heißt es einmal. Wenn es keine Arbeit gibt, wäre es uncool, Arbeitseifer zu entwickeln. Ziele, die ohnehin nicht erreicht werden können, braucht man gar nicht erst formulieren.

Was Hanna Lemke vorführt,
sind Verhaltensweisen der Indifferenz. Ihre Figuren schützen sich in ihrer Verletzlichkeit durch vorgetäuschte Gleichgültigkeit. Sie nehmen den Kampf nicht auf, sie stellen sich nicht, um sich keine Blöße zu geben; sie winken ab, als sei alles die Mühe nicht wert. Sie schauen sich das Leben nur ganz unverbindlich an, lassen sich aber auf nichts ein. Sie geben sich, als wäre das Leben nur ein Provisorium. "Du denkst, du guckst dir das mal an, weil grad nichts anderes läuft?", sagt eine Figur vorwurfsvoll: "Es ist die Wirklichkeit."

Aber die Autorin zeigt auf eine sehr verhaltene, verschwiegene Weise, dass dies nur Techniken zum Selbstschutz sind. Ihre Figuren verbieten es sich, Gefühle zu zeigen, und genau darunter leiden sie auch: Gefühle nicht zeigen zu dürfen. Nichts ist für die Figuren in diesen Geschichten verpönter, als Emotionen zu zeigen, also Schwäche, Bedürftigkeit, Hilflosigkeit, Empfindlichkeit, Schmerz, Trauer, Einsamkeit, Sehnsucht, womöglich gar Liebe.

Hanna Lemkes Kunst
liegt darin, diese Leerstellen der Gefühle unaufdringlich, aber doch unübersehbar zu markieren. Die Signale sind unauffällig, aber sehr bewusst gesetzt. Diese Autorin hat ein Talent für das Verschweigen, für die Lakonie, für das Unausgesprochene, hinter dem die verschwiegenen Sehnsüchte aber immer spürbar werden. Ihre Dialoge sind wortkarg, aber das Unausgesprochene schwingt immer mit. So schmal das Segment, der Lebensstoff auch ist, aus dem Hanna Lemke ihr Erzählmaterial bezieht, so handwerklich genau und kunstbewusst setzt sie ihre Stilmittel ein. Sie hat ein Instrumentarium entwickelt, um ihren Stories einen doppelten Boden zu geben.

Vielleicht ist Hanna Lemke bereits die Judith Herrmann der nächsten Generation.
Sigrid Löffler, kulturradio

Bewertung:

Stand vom 19.04.2010

Mehr Informationen zum Thema:

Hanna Lemke
"Gesichertes"
Kunstmann, München 2010
ISBN 3-88897-642-1
Gebunden, 188 Seiten
17,90 Euro