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Buch, 08.02.2010

Herta Müller: Niederungen; Montage: rbb

Herta Müller: "Niederungen"

Roman

Mit dem Prosaband Niederungen hat die Nobelpreisträgerin Herta Müller vor 28 Jahren debütiert. Das Buch lag vier Jahre in Bukarest beim Verlag, ehe es 1982 – allerdings nur in massiv zensierter Form – erscheinen konnte, jedoch von der deutschsprachigen Presse Rumäniens als angebliche Nestbeschmutzung wütend verrissen wurde. 1984 erschien der Band in der Originalfassung in Deutschland und machte die Autorin schlagartig berühmt. Herta Müller wurde danach in Rumänien mit Publikationsverbot belegt und war immer wieder Verhören, Verfolgungen, Hausdurchsuchungen und Bedrohungen durch den Geheimdienst Securitate ausgesetzt. Heimlich schrieb sie weiter. Drei Jahre lang musste sie auf ihre Ausreisegenehmigung nach Deutschland warten. Erst im März 1987 konnte sie mit ihrem damaligen Ehemann Richard Wagner nach Westberlin übersiedeln. Der lange vergriffene Debütband kommt nun im Hanser Verlag als Neuausgabe der Originalfassung heraus.

In Niederungen – einer Sammlung von 15 meist knappen Prosaskizzen und Prosaminiaturen, die oft nur wenige Seiten umfassen – beschreibt Herta Müller das Dorfleben der rumäniendeutschen Minderheit, der Banater Schwaben. Sie selbst ist 1953 in einem solchen Dorf – in Nitzkydorf bei Temesvar – geboren und aufgewachsen. Im Buch bleibt das Dorf namenlos und steht damit paradigmatisch für das gesamte Dorfleben in der rumäniendeutschen Enklave – für dessen Normen, Traditionen, Sprachregelungen, aber auch dessen inzüchtlerischen Lebensstil, dessen hinterwäldlerische Borniertheit, kulturelle Marginalisierung und soziale Erstarrung. Mit diesem Band hat Herta Müller das deutschsprachige Banat als literarische Provinz entdeckt und zugleich demontiert – sehr zum Missvergnügen ihrer schwäbischen Landsleute, die sich sehr unvorteilhaft porträtiert fanden. Das böse Dorf – die exemplarische Anti-Idylle.

Niederungen ist
eine schonungslose Dorfchronik und erzählt von einer untergehenden Welt. Die Autorin geht mit der Dorf-Realität hart ins Gericht – scheinbar ohne Emotion, doch immer im Bewusstsein des Niedergangs, Absterbens und Verschwindens einer unhaltbar gewordenen, veränderungsunfähigen Lebensform und einer entleerten, verstockten Wertewelt. In einfachen parataktischen Reihungen werden, zumeist im Präsens, leidenschaftslos präzise Zustandsbilder aus dem Familien- und dem Dorfleben geliefert.

Es entsteht eine bedrückende Atmosphäre aus Engstirnigkeit, Hass, Dumpfheit, Böswilligkeit, Intoleranz, Spießigkeit, Geiz, Rückständigkeit und stets einsatzbereiter Gewalttätigkeit. Über die Vergangenheit wird trotzig geschwiegen: Im Krieg waren praktisch alle Dörfler Nazis, die Männer zumeist SS-Leute, und noch jetzt verlangen die Männer vom Dorf-Friseur einen «deutschen Scheitel und deutschen Schnurrbart». Der fortdauernde Faschismus imprägniert das Dorfleben auch weiterhin. Die Gegenwart unter dem kommunistischen rumänischen Regime von Staatsfarmen und kollektivierter Landwirtschaft wird störrisch erduldet: die partei-oktroyierte Misswirtschaft beschleunigt für jedermann sichtbar nur den Niedergang des Dorfes.

Die Väter sind meist Säufer und Prügler, die Mütter verbittert, abgearbeitet und bigott – verbrauchte, keifende Hausfrauen, die den Sekundärtugenden Sauberkeit, Fleiß, Zucht und Ordnung fanatisch anhängen. Gemeinsam unterdrücken die Eltern ihre Kinder, schüchtern sie ein, schrecken und ängstigen sie mit Aberglauben und Strafdrohungen. Zwischen den Geschlechtern wie zwischen den Generationen herrschen Schweigen, Misstrauen und Angst. Aus Kinder-Perspektive ist oft schwer zu unterscheiden, was bäuerlicher Erfahrungsschatz, erprobte Lebensregel, frommer Katholizismus und Dorftradition ist, und was dummer Aberglaube, böswillige Unterdrückung, autoritäre Willkür, Einschüchterung, Gewalt-Regime und Schwarze Pädagogik.

Die längste Erzählung,
der das Buch den Titel «Niederungen» verdankt, ist aus solcher Kinder-Perspektive geschrieben: 70 Seiten karge und genaue Beschreibungsprosa aus der Sicht eines aufmerksamen, empfindlichen und phantasievollen Kindes, das den streng regulierten Tages- und Jahreslauf in der Familie und im Dorf beobachtet (und erleidet), im Rhythmus der natürlichen und der liturgischen Zeit, im Wechsel von Jahreszeiten und Festen des Kirchenjahres. Die Tage, an denen der Vater nicht betrunken ist und die Mutter nicht zankt und heult, gelten dem Kind als Festtage. Die Nächte des Kindes sind heimgesucht von Albträumen und Todesangst. Die besondere lyrische Qualität des Textes kommt durch Wortwiederholungen, Variationen und Rhythmisierungen zustande.

Die Kurztexte der Prosa-Miniaturen zeigen einen großen Variantenreichtum an literarischen Tonfällen – mal poetisch verdichtet und metaphorisch erhöht, mal finster, mal sarkastisch, und oft in einen hintergründigen Humor getaucht. Etwa der Kurztext Meine Familie: zwei Seiten, bestehend nur aus nüchtern aneinandergereihten bösen Gerüchten und verleumderischem Dorfklatsch über die eigene Familie. Der ungerührte Protokoll-Ton macht die bizarren Anwürfe immer grotesker.

Oder die Erzählung Dorfchronik: hier werden stur zwei Terminologien gegeneinander gestellt, die öffentliche und die dorfinterne: das Ausland, "das im Dorf der Westen genannt wird"; die Verstaatlichung, "die im Dorf Enteignung genannt wird"; die Toten des Dorfes "haben sich zu Tode gegessen, zu Tode getrunken, was im Dorf zu Tode gearbeitet genannt wird".

Es lohnt sich,
Niederungen heute neu zu lesen: Der schmale Prosaband enthält im Kern bereits die Themen, Motive und literarischen Strategien, die von Herta Müller in ihren späteren Romanen und Erzählungen immer raffinierter und reicher entfaltet werden.
Sigrid Löffler, kulturradio

Bewertung:

Stand vom 08.02.2010

Mehr Informationen zum Thema:

Herta Müller
"Niederungen"
Hanser Verlag, München 2010
Gebunden, 176 Seiten
ISBN 9783446-235243
16,90 Euro