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Halldór Laxness: Am Gletscher; Montage: rbb

Fr 14.10.2011

Buch

Halldór Laxness: "Am Gletscher"

Bewertung: großartig

Island ist ein Leseland. Die Insel hat zwar nur 320.000 Einwohner, aber unzählige literarische Verlage. Als Gastland der diesjährigen Buchmesse präsentiert es über 200 ins Deutsche übersetzte Buchtitel. Die Stars der isländischen Szene heißen derzeit Thórbergur Thórdarson, Gudmunóur Óskarsson und Kristin Steinsdóttir. Aber alle stehen natürlich im Schatten des großen Halldór Laxness (1902-1998), dem Vater der modernen isländischen Literatur, der 1955 als bisher einziger isländischer Schriftsteller den Literatur-Nobelpreis erhielt.

Literaturbekannter Gletscher
Der 1968 veröffentlichte Roman Am Gletscher spielt nicht an einem dieser Vulkane mit unaussprechlichen Namen (wie z. B. Eyjafjollajökull), die in den vergangenen Jahren den Flugzeugverkehr in Europa zum Erliegen gebracht haben, aber er spielt doch an einem Gletscher, dessen Name einige Literaturkenner aufhorchen lassen müsste. Es handelt sich um den Snaefellsjökull, und der spielt eine zentrale Rolle in einem Meisterwerk von Jules Verne. Die Reise zum Mittelpunkt der Erde beginnt am Snaefellsgletscher, dort taucht der eigenwillige Hamburger Professor Otto Lidenbrock in die Erde ein, um schließlich beim italienischen Stromboli wieder aufzutauchen.

Bei Halldór Laxness taucht zwar niemand in den Vulkan ein, um das Innere der Erde zu erkunden, aber es gibt dort am Vulkangletscher durchaus einige Geheimnisse und Rätsel und es verschwinden einige Gewissheiten der modernen Zivilisation im Nebel der isländischen Sagen und heidnischen Riten.

Augenzwinkernde Lüge
Gleich zu Anfang erlaubt sich Laxness einen koketten Schlenker und lässt den Bischoff von Island sagen, es sei doch etwas merkwürdig, dass die größten Schriftsteller Frankreichs Bücher über Island geschrieben haben, die sie unsterblich machten: Victor Hugo schrieb Hans von Island, Pierre Loti die Islandfischer und Jules Vernes die am Snaefellsjökull beginnende Reise zum Mittelpunkt der Erde.

Die Isländer selbst, meint der Bischoff, können solche Bücher über Island nicht schreiben, am allerwenigsten Bücher über den Snaefellsgletscher. Das ist natürlich eine augenzwinkernde Lüge, denn im selben Moment tritt Halldór Laxness an und beweist genau das Gegenteil: Denn der Bischoff beauftragt einen jungen Theologen in seinem Namen zum Gletscher zu reisen und dort nach dem Rechten zu sehen und einigen Gerüchten auf den Grund zu gehen.

Pfarrer in wilder Ehe
Es geht um den dortigen Pfarrer, Jon Primus, der offenbar eine – in den Augen des Bischoffs – etwas eigenartige Auffassung von Seelsorge hat. Jon Primus, so heißt es, lasse die Kirche verrotten und habe, weil er Heizkosten sparen wolle und ohnehin keine Gottesdienste mehr abhalte, die Kirchenfester mit Brettern vernagelt. Statt in seiner Kirche zu sein, sei er ständig unterwegs, helfe den Bauern bei der Arbeit, repariere Zäune, suche entlaufene Schafe, arbeite als Pferdehufschmied. Er taufe die Kinder nicht mehr und beerdige die Toten nicht ordnungsgemäß. Seit ihm seine Ehefrau davon gelaufen sei, lebe er mit seiner Haushälterin in wilder Ehe. Und schließlich: Was hat es mit dem Gerücht auf sich, Jon Primus habe in einem Holzsarg eine Leiche auf den Gletscher schaffen lassen?

Der Abgesandte des Bischoffs soll Licht ins Dunkel bringen und möglichst objektiv aufzeichnen, was sich da am Gletscher abspielt. Dieser Abgesandte ist Erzähler des Romans, der sich quasi in zwei Erzählhaltungen aufspaltet: Zum einen notiert er objektiv-gewissenhaft, was ihm zu Ohren kommt, zum anderen reflektiert er subjektiv, in welche Verwirrungen ihn die Erlebnisse und Erfahrungen bringen. Eine raffinierte und spannende Erzählkonstruktion.

Auf das Irreale vertrauen
Der Erzähler sperrt sich lange Zeit gegen die vermeintlichen "Wahrheiten", weil sie so ganz und gar seinen Überzeugungen widersprechen, er mag nicht akzeptieren, dass jede Wahrheit mindestens so viele Seiten wie Betrachter hat, dass man auch als helfender Handwerker und herumreisender Bauer ein guter Seelsorge sein kann, dass Legenden, Mythen und Sagen für die Menschen in der eisigen Wildnis durchaus real sind, dass sie kein Problem haben, mit dem Auto zu fahren und zu telefonieren und gleichzeitig an Trolle und Elfen zu glauben.

Genau darum geht es wohl letztlich Halldór Laxness, zu zeigen, dass wir die Wirklichkeit mit all unseren Ideologien und Theorien, Religionen und Philosophien nie ganz verstehen werden, wenn wir nicht auch auf die Fantasie vertrauen und das Irreale für möglich halten.

Wer jetzt Lust auf Laxness bekommen hat und mehr über sein Leben und Werk erfahren will, dem sei die soeben erschienene Biografie von Halldór Gudmundsson Halldór Laxness – Sein Leben empfohlen. Gudmundsson ist verantwortlich für den Gastauftritt Islands bei der Frankfurter Buchmesse und weiß alles über Laxness. Seine Biografie ist nicht nur ungemein klug geschrieben und gut lesbar, sie versammelt auch eine riesige Fotostrecke und zeigt Halldór Laxness in allen Lebenslagen: ein opulentes und großartiges Buch.
Frank Dietschreit, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2011/halldor_laxness__am.html

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