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Dass die Folgen der Vergangenheit in der Abfolge der Generationen erst einmal nicht schwächer, sondern oft noch stärker werden, ist in Psychologie und Erinnerungsforschung lange bekannt. Da erstaunt es nicht, dass es häufig die Enkelgeneration ist, die sich auf literarische Spurensuche in der eigenen Familie begibt, ob Sabrina Janesch in Katzenberge, Monika Maron mit Pawels Briefe, Arno Geiger in Es geht uns gut oder Eva Menasse in Vienna, um nur wenige Beispiele zu nennen.
Die Liebe währte nicht lange
Der Journalist und Autor Kolja Mensing hat 2002 in seinem Debut Wie komme ich hier raus? auf seine Kindheit in der Provinz zurückgeblickt, mit Die Legenden der Väter hat er nun noch weiter ausgeholt und sich in die Vergangenheit seiner Familie gewühlt. Das Buch rekonstruiert das Leben seines polnischen Großvaters Józef Kozlik – ein Mann, der in der polnischen Exilarmee an der Seite der Alliierten gegen die Deutschen kämpfte und 1945 als polnischer Besatzer ins Emsland kam. Dort lernte er Marianne kennen, 1946 kam ein Sohn zur Welt – Kolja Mensings Vater. Doch die Liebe währte nicht lange, Kozlik kehrte zurück nach Polen, der Sohn wuchs vaterlos auf.
Kolja Mensing hat über zehn Jahre für Die Legenden der Väter recherchiert, ist nach Polen und England gefahren, hat mit der Schwester des verstorbenen Großvaters gesprochen, sich in Archive vergraben und seinem eigenen Vater ein Aufnahmegerät unter die Nase gehalten. Im Untertitel steht "Eine Suche", und für diese bedient sich Mensing sowohl journalistischer als auch belletristischer Stilmittel. Der Erzählfluss setzt sich aus der Lebensgeschichte des Großvaters, den Berichten des Vaters, geschichtlichen Einordnungen und der Recherche des Autors in der Gegenwart zusammen – und ist nicht etwa chronologisch heruntererzählt, sondern in thematische Abschnitte unterteilt.
Entzauberung einer Familienidylle
Dramaturgisch entsteht so die Spannungskurve eines Romans: Stück für Stück setzt sich das Leben des Jósef Kozlik zusammen. Auch wenn am Ende noch viele Leerstellen bleiben – im Laufe des Buches schält Kolja Mensing ein klareres Bild des Großvaters aus dem Dickicht an familiärem Zurechtrücken und Verschweigen heraus. Józef Kozlik war kein Held, und manche familiär überlieferte Idylle war eigentlich gar keine.
Der Titel Die Legenden der Väter ist mit Bedacht gewählt, Mensing hat auch die Geschichte einer Entzauberung geschrieben. Vor allem aber eine spannende und eindringliche Familiengeschichte über die Zerrissenheit von Generationen.
Anne-Dore Krohn, kulturradio