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Vor zehn Jahren erschien bei uns die Autobiographie des langjährigen Literaturkritikers der New York Times Anatol Broyard, der sich an die aufregende Zeit nach dem zweiten Weltkrieg in New York, genauer gesagt in Greenwich Village erinnerte. Der mächtige (und extrem attraktive) Mann der Literaturszene erzählt da sehr spannend von seinem Anfang als Buchhändler, seiner intellektuellen Initiation und nicht zuletzt von seinen Liebesgeschichten (Verrückt nach Kafka, Berlin, 2001). Es gibt in dieser Lebensgeschichte jedoch eine entscheidende Leerstelle, denn Broyard hatte nichts von seiner Herkunft berichtet. Er sah zwar aus wie ein Weißer und hatte eine durch und durch weiße Existenz geführt, war aber in Wahrheit ein Farbiger, geboren als Sohn schwarzer Eltern. Seine Kinder erfuhren das erst kurz vor seinem Tod 1990.
Diese wahre Geschichte fällt einem sofort ein, wenn man den 1929 zum ersten Mal erschienenen Roman einer Autorin liest, deren Vater schwarz und deren Mutter eine dänische Immigrantin war, die offenbar selber eine Existenz zwischen Schwarz und Weiß führte, und die – das kann man auf dem Foto der gerade herausgekommenen Übersetzung sehen – eine sehr attraktive Frau war.
In ihrem Roman erzählt Nella Larsen von einer besonders schönen, besonders hellhäutigen farbigen Frau, der es leicht gemacht wurde, die Seiten zu wechseln. Sie hat einen reichen Rassisten geheiratet, der ihr ein luxuriöses Leben bietet, von dem Geheimnis ihrer Abstammung jedoch nichts erfahren darf.
Gefangen zwischen Selbstschutz und Loyalität
Nella Larsen, die 1891 geboren und 1964 gestorben ist, lässt zwei alte Schulfreundinnen zufällig aufeinander treffen. Die eine lebt aufgeklärt mit ihrem Arzt-Ehemann innerhalb der schwarzen Community Brooklyns, die andere trägt die Last ihrer verborgenen Identität. Sie sehnt sich zurück in die alte Gemeinschaft und nutzt bald jede Abwesenheit ihres Mannes, um die Freundin und nicht zuletzt deren Ehemann zu besuchen. Die andere sieht ihre Ehe in Gefahr, träumt davon dem Rassisten die Wahrheit zu sagen, fühlt sich jedoch widerwillig einer schwarzen Loyalität verpflichtet.
Das Ende ist tragisch und undurchsichtig. Deutlich wird jedoch, dass nicht allein die Weißen die Abstammung höher bewerten als das Individuum. "Ein Schwarzer kann leicht als Weißer durchgehen. Aber ich glaube nicht, dass es so einfach für einen Weißen ist, als Farbiger durchzugehen."
Diese Erfahrung hatte auch die Tochter von Anatol Broyard gemacht, als sie nach dem Tod ihres Vaters mit dessen schwarzer Familie Kontakt aufnahm – ein dreiviertel Jahrhundert später.
Manuela Reichart, kulturradio