Aktueller Musiktitel:
Edward Elgar
Cellokonzert e-Moll, op. 85

Ngugi wa Thiong'o: Herr der Krähen; Montage: rbb

Mo 17.10.2011

Buch

Ngũgĩ wa Thiong'o: "Herr der Krähen"

Bewertung: großartig

Der Kenianer (James) Ngugi wa Thiongo ist Schriftsteller, einer der renommiertesten Autoren des subsaharischen Afrika, Literaturwissenschaftler und Universitätslehrer auf drei Kontinenten. Er ist ein prominenter Kritiker des Kolonialismus, aber auch ein Ankläger der Fehlentwicklungen (Korruption und Vetternwirtschaft) im postkolonialen und seit 1963 unabhängigen Kenia. Ngugi stammt aus einer traditionellen Kikuyu-Bauernfamilie und wurde 1938 in einem Dorf nordwestlich von Nairobi geboren. Sein Vater Thiongo hatte 24 Kinder und vier Frauen. Als begabter Schüler konnte Ngugi eine höhere Schulbildung genießen und erwarb, nur unterbrochen von zwei Jahren der Mau-Mau-Unruhen, einen B. A.-Grad am Makerere College in Kampala und einen weiteren Bachelor-Degree in Leeds, Yorkshire. Er arbeitete als Journalist und Herausgeber einer Literaturzeitschrift und war Dozent für Englische Literatur in Nairobi und Kampala. Seit 1964 schrieb er zahlreiche Romane, Erzählungen und Theaterstücke auf Englisch – unter dem Namen James Ngugi.

Rückbesinnung auf afrikanische Identität
1977 kam er wegen eines angeblich subversiven Theaterstücks, geschrieben in seiner Stammessprache Kikuyu, für ein Jahr ohne Anklage ins Gefängnis. Ngugi verlor sein Universitätsamt und wurde ins Exil gezwungen – erst nach England, dann in die USA. Damit einher ging seine Rückbesinnung auf seine afrikanische Identität. Seitdem publiziert er auf Kikuyu und übersetzt seine Werke danach meist selbst ins Englische – unter dem Namen Ngugi wa Thiongo. Er hatte in den letzten 30 Jahren zahlreiche Gastdozenturen an den namhaftesten Universitäten Englands und der USA inne. Seit 2002 ist er Professor für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaften an der südkalifornischen Universität in Irvine.

Sprache der Unterdrücker
Ngugis ganzes Leben ist begleitet vom Konflikt zwischen zwei Sprachen und Kulturen. Seine Vater- und Muttersprache Kikuyu ist die Sprache der Tradition und Geschichte seines Volkes; das Englische ist die Sprache der Moderne, des Fortschritts und der Teilnahme an der Welt – allerdings auch die Sprache der Unterdrücker, der einstigen Kolonialherren. Dieser Zwiespalt spiegelt sich auch in den Themen seiner Bücher, in denen er koloniale Erfahrungen mit der reichen Volkskultur Kenias und die mündliche Dichtung Afrikas mit der weltliterarischen Tradition zu verbinden sucht. Er mischt moderne narrative Strategien mit Bibelzitaten und Echos der mündlichen Erzähltraditionen Afrikas, mit einheimischen Sprichwörtern und Spruchweisheiten.

Der Afrikaroman des 21. Jahrhunderts
Der Roman Herr der Krähen sollte ursprünglich eine Analyse der kenianischen Gesellschaft in den 1980er Jahren werden, am Übergang von der Präsidentschaft Jomo Kenyattas zu Daniel arap Moi, wuchs sich aber in 18-jähriger Arbeit zu Ngugis fast tausendseitigem Opus Magnum aus, zu einer Generalabrechnung mit allen Fehlentwicklungen, die das subsaharische Afrika seit der Unabhängigkeit durchlaufen hat, mehr noch: zu einer Parabel auf die Lage Afrikas angesichts des weltweiten Globalisierungswettlaufs. Herr der Krähen ist der ebenso ehrgeizige wie souverän gelungene Versuch, den Afrikaroman des 21. Jahrhunderts zu schreiben – als monumentale, im bachtinischen Sinne karnevalesk überdrehte, subversive und abstrafende Satire.

Das Werk ist ein Diktatorenroman, durchaus vergleichbar mit den großen lateinamerikanischen Diktatorenromanen von García Márquez bis Vargas Llosa, changierend zwischen Magischem Realismus und Groteske. Ngugi arbeitet mit den Übertreibungs- und Verzerrungsmitteln der Farce und der Satire, um am Beispiel eines fiktiven Staates die systemischen Fehler afrikanischer Staaten zur Kenntlichkeit zu entstellen und den Typus des afrikanischen Gewaltherrschers zwischen Groteske, Grausamkeit und Größenwahn durchzudeklinieren. Modelle standen ihm reichlich zur Verfügung – von Mobutu über arap Moi bis Idi Amin.

Ein monströses Denkmal
Ausgangspunkt des Romans ist das gigantische Bauprojekt "Marching to Heaven", das den Turmbau zu Babel übertreffen und dem despotischen Alleinherrscher der fiktiven Republik Aburiria zur Weltgeltung verhelfen und ein monströses Denkmal setzen soll. Das Bauvorhaben kann allerdings nur mit Krediten der Global Bank in New York verwirklicht werden. Der namenlos bleibende Diktator, allgemein nur Seine Allmächtige Vortrefflichkeit genannt, ist umgeben von Speichelleckern, Kriechern und Hofschranzen, die sich um ihn drängen, um von seiner Gunst zu profitieren, an seiner Macht teilzuhaben und sich zu bereichern. Namentlich der Außenminister und der Staatsminister und Geheimdienstchef rivalisieren um die Gunst des Herrschers, der sich an der Macht hält, indem er geschickt alle seine Vasallen gegeneinander ausspielt.

Naturgemäß generiert "Marching to Heaven" Korruption in nie dagewesenem Ausmaß. Seit der Bauunternehmer Tajirika zum Vorsitzenden des Bauprojekts ernannt wurde, bilden sich vor seinem Büro zwei unabsehbare Menschenschlangen, die bald zur Landplage werden – einerseits Arbeitslose, die auf einen Job hoffen, andererseits Subunternehmer, die auf Aufträge hoffen (und ihrem Wunsch mit dicken Bestechungskuverts Nachdruck verleihen). Die Korruptionsmaschine läuft wie geschmiert, obwohl die Kredite noch längst nicht bewilligt sind.

Um bei der Global Bank Druck zu machen, reist der Herrscher nach New York, wo er von einer rätselhaften Krankheit befallen wird: Je länger er auf einen Bescheid der Weltbanker warten muss, desto mehr bläht sich sein Körper auf, bis er (vor Wut? vor Größenwahn? vor Selbstüberschätzung?) beinahe platzt. Die Ärzte sind ratlos, daher wird der "Herr der Krähen" zur Hilfe gerufen.

Dahinter verbirgt sich der arbeitslose Akademiker Kamiti, der durch eine Reihe von Missverständnissen ganz gegen seine Absicht als Schamane, Heiler und Wahrsager zu Ruhm und Autorität gekommen ist. Nur durch Zufall entdeckt er wundersame Heilkräfte in sich und beginnt sich als Nachkomme eines Sehers und Magiers zu begreifen. Gemeinsam mit seiner Freundin, die die geheime Untergrundbewegung «Stimme des Volkes» anführt, steigt Kamiti zur Gegenmacht im Lande auf. Er wird mal hofiert, mal gejagt, mal als Retter eingeflogen, mal verhaftet. Als Gegenspieler der habgierigen, korrupten und verkommenen neuen Eliten des Landes verkörpert der «Herr der Krähen» die positiven, traditionellen Kräfte Afrikas – Respekt vor Mensch und Natur, Friedfertigkeit, Geduld, Menschenfreundlichkeit, Unbestechlichkeit und tiefes Wissen um die Selbstheilungs-Potenziale des Kontinents.

Dämonische Kräfte
Mit großer Fabulierlust, mit Einfallsreichtum und Sinn für Situationskomik entfaltet Ngugi wa Thiongo das politische und kulturelle Kräftespiel zwischen der Machtclique um den Herrscher und den diffusen Widerstandskräften des Landes, die sich auf die Kirchen, die unterdrückten Frauen und andere ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen stützen und denen der Einzelgänger und Einzelkämpfer Kamiti als Hoffnungsträger dient. Im Grunde tobt der Kampf um die Zukunft des Landes zwischen den Anhängern (und Profiteuren) westlicher Globalisierungsstrategien und den archaischen einheimischen Kräften und Energien, die Ngugi als dämonisch konnotiert sieht (Dämonen der Macht, Dämonen des Aufruhrs, weibliche und männliche Dämonen).

Mit den Mitteln von Karikatur, Farce und Groteske übt Ngugi harsche Regierungskritik an afrikanischer Vettern- und Günstlingswirtschaft, an Inkompetenz, Maßlosigkeit und Korruption. Ebenso prangert er falsch verstandene Entwicklungshilfe und neukoloniale Ausbeutung afrikanischer Ressourcen durch die globalisierte Wirtschaftsmacht des Westens an. Mit genießerischer Ausführlichkeit inszeniert der Autor die Ränkespiele, Dolchstechereien und Machtverschiebungen im Dunstkreis des Herrschers, der sich mit Verschlagenheit und Grausamkeit zu behaupten sucht, nur um zu erleben, dass seine Schranzen ihn letztlich an Ruchlosigkeit und Heimtücke weit übertreffen. Seine alten Machttechniken greifen nicht mehr, die USA lassen ihn fallen. Gegen einen etwaigen Staatsstreich oder Militärputsch suchte der Herrscher sich lebenslang zu wappnen, eine lautlose Palastrevolte fegt ihn hinweg. In nicht mehr als einem Nebensatz wird er erschossen.

Doch der Regimewechsel bringt keinen Wandel, schon gar keinen Wandel zum Besseren – dies die ernüchternde Erkenntnis, mit der dieser bedeutende Roman schließt.
Sigrid Löffler, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2011/ngugi_wa_thiong_o.html

Fenster schließen!