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Thomas Brasch starb im Alter von nur 56 Jahren am 3. November 2001 in Berlin an Herz-Lungenversagen. Seitdem ist der Lyriker, Dramatiker, Erzähler und Filmemacher, der in den 1980er Jahren eine ebenso prägende wie verstörende Kraft in der kulturellen Landschaft Deutschlands war, fast in Vergessenheit geraten. Jetzt - zum 10. Todestag des Autors - kommt der Film „Brasch – das Wünschen und das Fürchten“ in die deutschen Kinos. Er erinnert an einen Autor, der Gedichtbände wie „Der schöne 27. September“ und Stücke wie „Lovely Rita“ und „Mercedes“ schrieb, der Filme wie „Engel aus Eisen“ und „Domino“ inszenierte und sich als Übersetzer von Shakespeare und Tschechow einen Namen machte.
Abrechnung mit der DDR
Als Thomas Brasch 1977 „Vor den Vätern sterben die Söhne“ im damals West-Berliner Rotbuch Verlag herausbrachte, hatte er gerade die DDR in Richtung Bundesrepublik verlassen. Das Buch ist Produkt, Abbild und Auseinandersetzung mit dieser privaten und politischen Katastrophe: Denn genau so hat Thomas Brasch seine Ausreise empfunden. Er wäre gern in der DDR geblieben, hätte gern die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen gebracht und dem verknöcherten, so genannten realen Sozialismus ein menschliches Antlitz verliehen. Aber es ging nicht mehr:
Wenn Thomas Brasch weiterhin öffentlich seine systemkritischen Ansichten vertreten und seine sozialismuskritische Literatur schreiben und vor allem: veröffentlichen wollte, war er vor die Wahl gestellt, entweder ins Gefängnis zu gehen oder das Land zu verlassen. Aber im Gefängnis war er schon einmal: Nachdem er 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag demonstriert und Flugblätter verteilt hatte, wurde er wegen angeblich „staatsfeindlicher Hetze“ einkassiert und weggesperrt.
Nach seiner Entlassung durfte er sich als Fräser im Transformatorenwerk „Karl-Liebknecht“ in der Produktion „bewähren“. Richtige Knochenarbeit war ihm nicht fremd: Denn der ehemalige Kadettenschüler arbeitete, nachdem er auf eine Karriere in der Nationalen Volksarmee (NVA) gepfiffen hatte, auch als Schlosser, Packer und Kellner. Weil seine Erzählungen und Dramen in der DDR zensiert wurden, hatte er das Manuskript von „Vor den Vätern sterben die Söhne“ nach West-Berlin geschmuggelt, es dort zu veröffentlichen hieß: Er musste so rasch wie möglich die DDR verlassen.
Vaterschaft im doppelten Sinne
Der Titel ist Provokation, privater Aufschrei und politisches Statement: Thomas Brasch ist ein Sohn, der von seinem Vater drangsaliert, bevormundet, ja sogar verraten und sozusagen privat und politisch für Tod erklärt wurde. Der Vater, Horst Brasch, war ein hoher SED-Funktionär, ein Apparatschik und Parteibonze, der es bis zum stellvertretenden Kulturminister der DDR brachte. Dass der Sohn zum Anarchismus neigte, in einer Pop-Band Schlagzeug spielte, für den Prager Frühling eintrat, war dem Vater unerträglich: Und so verrät er seinen Sohn an die Stasi und sorgt dafür, dass er ins Gefängnis kommt.
Aber Thomas Brasch rechnet in seinem Buch nicht nur mit dem eigenen Vater ab, sondern mit allen Über-Vätern, mit allen Ideologen und Weltverbesserern, die im Namen einer fernen Zukunft die Menschen bevormunden, einsperren, töten. „Vor den Vätern sterben die Söhne“, das heißt: nicht nur einige, sondern ALLE Söhne haben keine Chance, sich gegen die übermächtigen Väter zu behaupten, ALLE werden verstoßen und sterben vor ihren Vätern: Und das ist nichts weniger als die totale und perverse Umkehrung aller biologischen, menschlichen, gesellschaftlichen Zustände.
Szenen eines Alltags in der DDR
Es ist eine Art Erzähl-Collage: Das Buch, das im Original nur 110 Seiten umfasst, ist in drei größere Kapitel und elf kleinere Erzähl-Fragmente unterteilt. Diese Mini-Erzählungen stehen zwar für sich, beziehen sich aber thematisch, inhaltlich und personell aufeinander. Brasch beschreibt in scharfkantigen Worten und knochentrockenen Sätze Szenen aus dem Arbeits- und Alltagsleben der DDR: Menschen werden zu Betrügern, um die Arbeitsnorm zu schaffen und die Arbeitsproduktivität zu steigern; Menschen werden zur Bewährung in die Produktion abkommandiert; Menschen werden überwacht, bespitzelt, verhaftet, verhört.
Zwei junge Männer und eine junge Frau, die für einen kurzen Moment aus dem Alltag ausbrechen, Pop-Musik hören, sich zu dritt lieben, landen schließlich bei der Stasi, weil einer von ihnen versucht hat, in den Westen abzuhauen. Aufgerissen und kommentiert werden diese DDR-Zustandsbeschreibungen von eingeschobenen Märchen- und Mythen-Fragmenten: Weil der Hirte Marsyas den musikalischen Wettstreit mit Gott Apoll verweigert, wird ihm bei lebendigem Leib die Haut vom Körper gezogen: Da bekommt man als Leser das Fürchten und eine Gänsehaut.
Der missverstandene Brasch
Das Buch wurde in den „westdeutschen“ Feuilletons hoch gelobt, das war so etwas wie die Eintrittskarte zu einer Karriere im Westen, aber genau das war das Dilemma:
Denn Thomas Brasch fühlte sich völlig missverstanden, er wollte als Sprachartist und Künstler wahrgenommen, nicht als Vorzeige-Dissident herumgereicht werden. Der kapitalistische Westen war ihm genauso fremd wie der literarische Markt, der erwartete, dass er alle zwei, drei Jahre ein neues Buch herausbringt.
Sein Lebensgefühl war das der permanenten Auflehnung, der radikalen Kritik, er war auf der Suche nach dem Unerhörten, Ungesehenen, Ungesagten. Er hat sich immer weiter in die Isolation hinein manövriert und hat an einem Mammutwerk gearbeitet, an dem er scheiterte und zugrunde ging: 15.000 Seiten über den „Mädchenmörder Brunke“ stapelten sich in seinem Arbeitszimmer. Irgendwann platzte dem Verleger-Übervater Siegfried Unseld der Kragen und er brachte ein auf 99 Seiten zusammen gekürztes Büchlein heraus. Für Brasch war das die maximale Erniedrigung und so etwas wie das literarische Todesurteil: Wie gesagt, vor den Vätern sterben die Söhne.
Frank Dietschreit, kulturradio